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Spruchband in den Händen, auf denen der Anfang eines
Spruches aus ihren Schriften enthalten ist, dei gleich
falls als die alttestamentarische Vorhersagungdes bezüg
lichen Ereignisses aus dem Leben Christi gilt. Jede
Darstellung wird durch einen leoninischen Vers erklärt.
Endlich ist noch zu erwähnen, dass das Werk nach Art
eines Rahmens mit kleinen Plättchen eingefasst ist, die
mit in verschiedenfarbigem Email ausgeführten Orna
menten geziert sind; man zählt davon 44 Muster, davon
die meisten durch besonderen Geschmack sich aus-
zeichnen.
Zufolge der Inschrift wurde dieses grossartige
Werk das bedeutendste Emailwerk des Mittelalters, das
man kennt, als Widmung des sechstenProbstes Wernher
durch Nicolaus von Verdun im Jahre 1181 ausgeführt,
und zwar als Verkleidung eines Lesepultes (Ambo),
später als Antipendium des Kreuzaltars, erst nach dem
Brande des Stiftes (1322) wurde es über Wunsch des
Papstes Stefan von Sierndorf zu einem Altaraufsatz
in Form eines Flügelaltars umgestaltet, und in den
Capitelsaal versetzt, bei welcher Umgestaltung der
Altar vergrössert wurde, indem man die Tafeln der
7. und 11. Reihe in Wien neu angefertigt hiezufügte.
Die conventioneile Richtung des XII. Jahrhunderts
bildet an diesen Tafeln die entschiedene Grundlage ihrer
stylistischen Behandlung. Aber sie entwickelt sich, wie
Kugler treffend bemerkt, von solcher Grundlage aus
gehend , zu einem bewegten Leben, das bei manchem
auffälligen Ungeschick, bei manchem sehr Übertriebenen,
dieberedeste dramatische Aussprache des Moments zum
Ausdruck bringt; sie gestaltet sich bei einzelnen, nament
lich weiblichen Gestalten zu den durchgebildeten Grund-
zügen eines classisch geläuterten Adels, der mit Empfin
dung auf die Muster der Antike zurückgeht und in
staunenswürdiger Meisterschaft vorweg nimmt, was etwa
erst um ein halbes Jahrhundert später zur umfassenden
Ausbildung gelangte. Hier sei auch der in erster Vitrine
dieses Saales aufgestellten Emailtafel Erwähnung gethan
(Nr. 16) , die eine im 15. Jahrhundert angefertigte,
immerhin beachtenswerthe Nachbildung jenes Email
bildes ist, welches die Verkündigung Mariens vorstellet.
(Eigenthum dieses Stiftes. S. Niello-Antipendium zu
Klosterneuburg von Arneth und Camesina. Mitth. d.
Centr. Com. HL, pag. 285. Alt. Verein IV. und Heider-
Eitelberger II. pag. 115.) . , . m
Auf der Rückseite dieses Altars sind vier Tempeia-
Gemälde mit Goldgrund, auf Holztafeln angebracht, die
ohne Zweifel ebenfalls unter dem kunstsinnigen Propst
Stefan v. Sierndorf in der ersten Hälfte des XIV. Jahr
hunderts aufgeführt wurden. Die Zahl der Bilder und die
Wahl der Gegenstände der Darstellungen erscheint durch
die Gesammtanordnung des Altarwerks als Flügelaltar
begründet; jeder Flügel enthält eine Tafel, das doppelt
so breite Mittelstück zwei. Erstere wurden, wie dies bei
FlUgelaltären gewöhnlich, während der Fastenzeit ge
schlossen und zeigen daher zwei Hauptmomente der
Passion, das ist die Kreuzigung und die Frauen am
Grabe, dabei Christus als Gärtner. Die Rückseite
enthält Bilder aus dem Leben Mariens: den Tod und
die Verherrlichung. Diese Gemälde wurden bei Marien
festen gegen den Beschauer gestellt. Diese Bilder sind
die ältesten bisher datirten Tafelgemälde Österreichs
und gehören zu den frühesten selbständigen Producten
deutscher Malerei. (Mitth. d. Alt. V. X., pag. 62.)
Fig. 60. (Klosterneuburg.)
Die Mensa vor diesem Altäre schmückte das herr
liche Antipendium aus dem Domschatze zu Salzburg.
Es ist 11' 3" lang, 3’ hoch und gänzlich mit Stickereien
überzogen. In zwanzig Feldern in drei Reihen enthält es
ebenso viele Darstellungen ausdem Leben desHeilandes
von der Verkündigung bis zur Himmelfahrt; und zwar
in der obersten Reihe: die Verkündigung, Anbetung
durch die Hirten und die heil, drei Könige (3 Felder),
die Darstellung im Tempel und die Flucht nach Aegypten ;•
untere Reihe: Christus am Oelberge, derVerrath des Ju
das, Christus vor Pilatus, die Geisselung, die Kreuztra
gung, Kreuzigung und Kreuzabnahme; mittere Reihe: die
Grablegung, Auferstehung, Jesus als Gärtner, Christus
in der Vorhölle , Christus unter seinen Jüngern und die
Himmelfahrt. Auf den Gefässen, welche auf der Dar-
Fig. 59. (Klosterneuburg.)