MAK

Full text: Die österr. kunsthistorische Abtheilung auf der Wiener Weltausstellung (Exposition des amateurs)

34 
Spruchband in den Händen, auf denen der Anfang eines 
Spruches aus ihren Schriften enthalten ist, dei gleich 
falls als die alttestamentarische Vorhersagungdes bezüg 
lichen Ereignisses aus dem Leben Christi gilt. Jede 
Darstellung wird durch einen leoninischen Vers erklärt. 
Endlich ist noch zu erwähnen, dass das Werk nach Art 
eines Rahmens mit kleinen Plättchen eingefasst ist, die 
mit in verschiedenfarbigem Email ausgeführten Orna 
menten geziert sind; man zählt davon 44 Muster, davon 
die meisten durch besonderen Geschmack sich aus- 
zeichnen. 
Zufolge der Inschrift wurde dieses grossartige 
Werk das bedeutendste Emailwerk des Mittelalters, das 
man kennt, als Widmung des sechstenProbstes Wernher 
durch Nicolaus von Verdun im Jahre 1181 ausgeführt, 
und zwar als Verkleidung eines Lesepultes (Ambo), 
später als Antipendium des Kreuzaltars, erst nach dem 
Brande des Stiftes (1322) wurde es über Wunsch des 
Papstes Stefan von Sierndorf zu einem Altaraufsatz 
in Form eines Flügelaltars umgestaltet, und in den 
Capitelsaal versetzt, bei welcher Umgestaltung der 
Altar vergrössert wurde, indem man die Tafeln der 
7. und 11. Reihe in Wien neu angefertigt hiezufügte. 
Die conventioneile Richtung des XII. Jahrhunderts 
bildet an diesen Tafeln die entschiedene Grundlage ihrer 
stylistischen Behandlung. Aber sie entwickelt sich, wie 
Kugler treffend bemerkt, von solcher Grundlage aus 
gehend , zu einem bewegten Leben, das bei manchem 
auffälligen Ungeschick, bei manchem sehr Übertriebenen, 
dieberedeste dramatische Aussprache des Moments zum 
Ausdruck bringt; sie gestaltet sich bei einzelnen, nament 
lich weiblichen Gestalten zu den durchgebildeten Grund- 
zügen eines classisch geläuterten Adels, der mit Empfin 
dung auf die Muster der Antike zurückgeht und in 
staunenswürdiger Meisterschaft vorweg nimmt, was etwa 
erst um ein halbes Jahrhundert später zur umfassenden 
Ausbildung gelangte. Hier sei auch der in erster Vitrine 
dieses Saales aufgestellten Emailtafel Erwähnung gethan 
(Nr. 16) , die eine im 15. Jahrhundert angefertigte, 
immerhin beachtenswerthe Nachbildung jenes Email 
bildes ist, welches die Verkündigung Mariens vorstellet. 
(Eigenthum dieses Stiftes. S. Niello-Antipendium zu 
Klosterneuburg von Arneth und Camesina. Mitth. d. 
Centr. Com. HL, pag. 285. Alt. Verein IV. und Heider- 
Eitelberger II. pag. 115.) . , . m 
Auf der Rückseite dieses Altars sind vier Tempeia- 
Gemälde mit Goldgrund, auf Holztafeln angebracht, die 
ohne Zweifel ebenfalls unter dem kunstsinnigen Propst 
Stefan v. Sierndorf in der ersten Hälfte des XIV. Jahr 
hunderts aufgeführt wurden. Die Zahl der Bilder und die 
Wahl der Gegenstände der Darstellungen erscheint durch 
die Gesammtanordnung des Altarwerks als Flügelaltar 
begründet; jeder Flügel enthält eine Tafel, das doppelt 
so breite Mittelstück zwei. Erstere wurden, wie dies bei 
FlUgelaltären gewöhnlich, während der Fastenzeit ge 
schlossen und zeigen daher zwei Hauptmomente der 
Passion, das ist die Kreuzigung und die Frauen am 
Grabe, dabei Christus als Gärtner. Die Rückseite 
enthält Bilder aus dem Leben Mariens: den Tod und 
die Verherrlichung. Diese Gemälde wurden bei Marien 
festen gegen den Beschauer gestellt. Diese Bilder sind 
die ältesten bisher datirten Tafelgemälde Österreichs 
und gehören zu den frühesten selbständigen Producten 
deutscher Malerei. (Mitth. d. Alt. V. X., pag. 62.) 
Fig. 60. (Klosterneuburg.) 
Die Mensa vor diesem Altäre schmückte das herr 
liche Antipendium aus dem Domschatze zu Salzburg. 
Es ist 11' 3" lang, 3’ hoch und gänzlich mit Stickereien 
überzogen. In zwanzig Feldern in drei Reihen enthält es 
ebenso viele Darstellungen ausdem Leben desHeilandes 
von der Verkündigung bis zur Himmelfahrt; und zwar 
in der obersten Reihe: die Verkündigung, Anbetung 
durch die Hirten und die heil, drei Könige (3 Felder), 
die Darstellung im Tempel und die Flucht nach Aegypten ;• 
untere Reihe: Christus am Oelberge, derVerrath des Ju 
das, Christus vor Pilatus, die Geisselung, die Kreuztra 
gung, Kreuzigung und Kreuzabnahme; mittere Reihe: die 
Grablegung, Auferstehung, Jesus als Gärtner, Christus 
in der Vorhölle , Christus unter seinen Jüngern und die 
Himmelfahrt. Auf den Gefässen, welche auf der Dar- 
Fig. 59. (Klosterneuburg.)
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.