50
Vorderfusse hält. Gegen eben dieses Kreuz ist sowohl
der Kopf des Lammes zurückgewendet, als auch der
offene Rachen des früher erwähnten Ungethüms gerichtet.
Zu Füssen und an der Seite des Lammes sind in Elfen
bein geschnittene Ornamente, darunter auch ein Drei
pass, angebracht.
An der vordem und rückwärtigen breiten Fläche
der Krümmung sind Aufschriften in romanischer Lapidar
schrift zu bemerken. An der Vorderseite befinden sich
die bekannten Worte: „Salve regina misericordiae“, auf
der Kehrseite: „Ave maria gratia dominus tecum“. Die
Buchstaben sind goldfarbig, ihre Einfassung wechselt
zwischen schwarz und roth. Zwischen den Buchstaben
befinden sich einige goldene , grün eingerahmte, orna-
mentirte Streifen. Endlich ist noch zu erwähnen , dass
die Radialverzierung und die Krümmung sammt Gruppe
in reicherWeise mit goldfarbigen Ornamenten bemalt ist.
Romanisches Pastorale aus dem Schatze des Augu
stiner Chorherren-Stiftes zu Klosterneuburg inNie-
der-Österreich aus dem XIII. Jahrhundert. Dieser gegen
wärtig vollständig erhaltene Stab bildet in formeller Be
ziehung eine Specialität. Die Anschaffung desselben
wird laut der schriftlichen Aufzeichnungen dieses Stiftes
dem Probsten Pabo, dem ersten Erbauer des Kreuzgan
ges daselbst (1279—1292), zugeschrieben. Er besteht
in allen seinen Theileu aus Elfenbein und hat eine Höhe
von 6', wovon auf das verzierte obere Ende mehr als
12" kommen (Taf. VIII).
Der runde Schaft, welcher sich nach abwärts etwas
verjüngt, besteht aus vierzehn gleich grossen Theileu,
die durch Schrauben und Stifte mit einander verbunden
sind, und welche mit je einem roth-, gelb- und schwarz
farbigen zweigartigen Ornamente mit Kleeblattenden
bemalt sind (Fig. 150).
Die interessanteste Partie dieses Stabes ist der
Obertheil. Der Knauf hat die Form einer etwas
gedrückten Kugel, und ist mit den darauf gemalten
nimbirten Zeichen der vier Evangelisten geschmückt.
Rücksichtlich der Anordnung der Farben muss bemerkt
werden, dass die Umrisse der Ornamente und Figuren
schwarz sind, die Ausfüllung durch Gold geschieht, und
durch die nur in einzelnen Strichen verwendete rothe
Farbe blos gewisse Stellen hervorgehoben werden. Aus
dem Nodus heraus entwickelt sich mittelst eines stufen
förmigen Überganges ein Schlangenkopf, an dessen
Stirn- und Unterkiefer-Seite sichje eine in einem muschel-
' förmigen Ornamente sitzende, ungewöhnlich bekleidete
Figur mit jüdischem Typus zeigt, deren Kopf sich nach
der in der Krümmung befindlichen Vorstellung richtet.
Das obere Ende des Stabes bildet ganz abwei
chend von der gewöhnlichen Form, statt einer Schnecke
einen vollständig geschlossenen, aber nicht ganz runden
Ring, der in seinem Durchmesser 5</ 2 " misst, und aus
sieben Theilen besteht, welche mittelst eben so vieler
Messingringe zusammengehalten werden.
An seinem Aussenrande ist der Ring, und zwar an
seiner obersten Stelle mit der aus einem doppelten Blatt-
Ornamente in sitzender Stellung emporsteigenden Figur
G;ott Vaters, welche ein Buch in der Linken hält und
die Rechte zum Segen erhoben hat, geziert. Rechts und
links davon sind am Ringe je drei kammartige, silhouet
tenförmige Krabben in Strahlenform angebracht. An den
beiden Flachseiten des Ringes befinden sich Inschriften
in spät-romanischen Majuskeln, die sich auf die inner
halb des Ringes befindliche Gruppe beziehen. Leider
ist jedoch nur die Inschrift an einer Seite lesbar. Sie
lautet: „ave maria gratia.“
Die ziemlich roh gearbeitete freistehende Mittel
gruppe stellt die Verkündigung Mariens vor und steht
Fig. 79. (Rabenstein.)
/