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Fig. 82.
Kopfes eine Öffnung. Mit einem solchen Kleide ging
einst im früheren Mittelalter der Priester zum Altäre, um
das heilige Messopfer zu feiern. Nachdem er an den
Stufen des Altares das sogenannte Stufengebet ver
richtet, hoben die Leviten den Saum des Messkleides
auf und der Priester hielt die Hände auf die Brust und
stieg den Altar hinan. Von da an blieb das Messkleid
auf den Armen des Celebranten ruhen während der
ganzen Feier. Bis zur Mitte des XV. Jahrhunderts war
den Messgewändern diese faltenreiche Form geblieben,
von da an verkleinerte sich dieselbe in ziemlich schneller
Folge bis zu ihrem heutigen, nichts weniger als schönen
Schnitte. Der Stoff des genannten Messkleides zeigt
in kreisförmigen Zeichnungen geflügelte Löwen und
Vögelpaare. Als Verzierung trägt es nur vorn auf
der Nath eine Goldborde und ebenso um den Hals herum,
welche auch stellenweise mit Perlenreihen und Edel
steinen geschmückt ist. Die Kloster-Tradition nannte
diese Glockencasel, die in das Xf. Jahrh. zurückreichen
mag, schon seit Jahrhunderten „St. Vitalis-Mess
kleid“. In den ältesten Inventarien des Kirchenschatzes
von St. Peter aus den Jahren 1462 und 1478 heisst es
von diesem Stücke: „Item casula beati Vitalis viridis“.
Aus dem Stifte St. Paul in Kärnten sind drei Kir
chenkleider ausgestellt, die gleich den übrigen Schatz
gegenständen ehemals dem Stifte St. Blasien im Schwarz
walde gehörten. Eine Casula in alter Form (Nr. 171),
ohne Ausschnitt für die Arme, im Halbmesser 1 M.
67 Ctm. Die ganze Fläche ist durch ornamentale Strei
fen, die vertical und horizontal gezogen sind, in qua
dratische Felder getheilt und unterhalb mit einer Bor
düre abgeschlossen. Im Ganzen sind 38 Felder gebildet,
(Prag.)
doch sind davon nur 26 vollkommene Quadrate. Der
ganze Mantel ist in trefflicher Seiden-Stickerei (Nadel
malerei) ausgeführt. Den Grund bildet stark gewebter
ungebleichter Strammleinen , die Stickerei ist im Zopf-
und Kettenstich , wenn auch etwas unbehilflich,
ausgeführt. Die Farbenwirkung ist eine sehr einfache.
Die zwei Hauptfarben, in denen mit nur vereinzelten
Ausnahmen der Grund der figuralischen Darstel
lungen ausgefüllt ist, sind gelb und blassroth. Ausser
diesen finden wir noch blau , grün, braun , weiss
und eine tiefere Abstufung des Roth. Vom Golde wurde
nirgends Gebrauch gemacht. Die Felder sind entweder
mit figuralen Darstellungen oder mit Thiergestalten
geschmückt. Von Thiergestalten treffen wir in den
fragmentirten Feldern einen Drachen mit reich ver
schlungenem Schweife (Fig. 47) und einen Pfau, der
ein Blatt im Schnabel hält; von Ornamenten zierliche
Verschlingungen breiter Bänder mit Blattausgängen
(Fig. 48) und in Verbindung mit dem doppelten Mäan
derstab auf dem breiteren verticalen Streifen, welcher
vorn an dem Halsausschnitte herabläuft. Alle diese
Verzierungen zeigen entschieden den Charakter des
entwickelten Romanismus, wie er sich vom Beginne
des XII. Jahrhundert bis in die erste Zeit der Gothik in
steter Fortbildung erhalten hat. Die Darstellungen in
den quadraten Feldern beziehen sich auf neutestamen
tarische Begebenheiten, Prophetengestalten, typolo-
gische Bilder aus dem alten Bunde, z. B. Josue und
Judas (Fig. 49), Heiligengestalten, endlich werden in
den 35 Medaillons der Bordüre Evangelisten, Apostel
und einzelne historische Personen (Kaiser Ötto) vor
geführt. Dr. Hei der spricht die Vermuthung aus,