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Full text: Die österr. kunsthistorische Abtheilung auf der Wiener Weltausstellung (Exposition des amateurs)

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tabakcasette zusammengestellt (Nr. 260.) Fig. 36. Ein 
kleines Reliquienkästchen in Häuschenform mit Steinbe 
satz, emaillirten Halbfiguren, deren Körper mumienartig 
eingewickelt und unten, wie abgeschnitten dargestellt 
sind, oben mit durchbrochener Gallerie, XII. Jahrhundert, 
ist der reichhaltigen und vieles Interessante bergenden 
Sammlung des Karl R. v. Pichler in Graz entnommen. 
Unter Nr. 300 treffen wir das Hausaltärchen der Pfarr 
kirche MariaPfarr im salzburgischen Lungau. Es ist aus 
Silber angefertigt, reich vergoldet und mit später hinzu 
gefügtem Steinbesatz geziert, in Form eines Triptychons 
aufgebaut und von 3' Höhe. Der Tabernakel, d. i. das 
Hauptfeld des geöffneten Schrankes, enthält die Darstel 
lung des Kreuzestodes Christi, zur Seite des Kreuzes sieht 
man Johannes und Maria stehend, am Kreuzesfusse die 
kniende Magdalena; ober dem Kreuze Sonne und Mond 
durch Steine (Carneol und Opal) dargestellt. Der Taber 
nakel wird eingerahmt von kleinen Reliquienbehältern, 
doch wird der Rahmen rechts durch die knieende Figur des 
Donators in Priesterkleidung unter einem kleinen zier 
lichen Baldachin unterbrochen. Sämmtliche Figuren des 
Hauptfeldes sind als Hochreliefgetrieben in der bekannten 
Formengebung und vollendeten Technik des XY. Jahr 
hunderts. Unter den Figuren und beim Kreuze sind 
Gebete oder Stellen der heiligen Schrift enthaltende 
Inschriften angebracht. Die Innenseiten der beiden in je 
zwei Feld er horizontal getheilten Flügel, die in gesell weif - 
ten Wimbergen mit Kreuzblumenbesatz abschliessen, 
enthalten Darstellungen, in gegossenen Reliefs aus 
geführt, sammt erklärenden Inschriften. Wir sehen die 
Darstellung der Geburt Christi und der Reinigung- 
Mariens, ferner den englischen Gruss und den Tod 
Mariens (Maria kniet vor dem Bette und Christus führt 
ihre Seele gegen den Himmel). Die Rückseite der Flügel 
zieren Figuren in kräftiger Gravirung, als : oben links 
die beiden Johannes, darunter zwei nimbirte Bischöfe, 
rechts die Heiligen Petrus und Paulus, Barbara und 
Katharina. Die dem Altärchen untergebaute Mensa hat 
folgende Inschrift: Mille quadringentoque quadrageno 
quoque terno Grillinger, pfarrer pleban. pr. dedit hoc. 
Auf der Rückseite des Schrankes hatte der Künstler in 
sinnreicher Laubwerks-Verzierung die Evangelisten - 
Symbole, das Lamm Gottes und das Schweisstuck ein- 
gravirt; in dem Mittelfelde findet sich eine lange In 
schrift, welche die in dem Altäre hinterlegten Reliquien 
aufzählt und ausserdem noch die Widmung des Peter 
Grillinger (1443) wiederholt. Über dem Schranke baut 
sich ein luftiger Baldachin aus verschlungenem Ast- 
und Laubwerk auf, darunter die Figur des Ecce liomo. 
Leider ist dieser Theil des Altärchens so arg beschädigt, 
dass der oberste Abschluss nicht ganz klar ist (Fig. 90). 
Hier hatte auch ein kleines Reliquienkreuz t Nr. 662) 
aus dem Stifte Melk von 18" Höhe und 8</ 2 " Breite seinen 
Platz, das noch im XV. Jahrhundert entstanden sein mag. 
Für die Ausstellung war dasselbe von Bedeutung, da die 
lilienförmig endenden Kreuzesarme aus Bergkrystall an 
gefertigt und Gegenstände aus diesem Materiale nur in 
wenigen Exemplaren auf dieser Exposition zu finden 
waren. Der kupferne und vergoldete Ständer wird aus 
einer runden Fussfläche mit einem quadraten Stamme und 
einfach ausladenden Nodus gebildet. Die silber-vergoldete 
Fassung des sich darauf erhebenden Kreuzesstammes 
zeigt Verzierungen aus Masswerk und Lilien-Ornamen 
ten. Gleichen Motiven folgt der quadrate Mitteltheil, 
bestimmt zur Aufnahme der Reliquien, aus dessen vier 
Ecken Lilienblätter hervortreten (Fig. 69). 
Das letzte Fach dieses Wandschrankes war der 
Aufstellung von Gegenständen meistens der classischen 
und keltischen Zeit gewidmet. Wir sahen daselbst 
(Nr. 269) ein kurzes Schwert, Messer, Nadel aus Bronze 
und Bruchstücke eines entweder als Halsschmuck oder 
als Rasiermesser zu deutenden Gegenstandes aus fast 
unlegirtem Kupfer. Sämmtliche Gegenstände wurden 
einem intact gewesenen Tumulus mit Steinkiste auf 
dem Plateau bei Warmbad Villach, der von Dr. Luschin 
1872 aufgedeckt wurde, entnommen; vier prachtvolle, 
aus freier Hand gearbeitete Thon-Urnen enthielten die 
Brandknochen von zwei Individuen, einem älteren männ 
lichen und einem jüngeren, wahrscheinlich weiblichen. 
Ferner war hier jener höchst seltene Opfer wagen aufge 
stellt, der zu Strettweg bei Judenburg in der Steiermark 
gefunden wurde. Er ist, wenn auch in sehr primitiver
	        
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