1900 in der Sezession die Aufgabe gestellt hatten, einer neuen Kunst den Weg zu
bereiten, der seine Schaffenskraft bewahrt hat und der heute noch ebenso spendet,
wie er es vor fast vierzig Jahren getan hat. Er tut es trotz aller Versuche von links und
rechts, der Kunst von der verstandesgemäßen Seite her beizukommen und das
Apostolat der Sachlichkeit über die Persönlichkeit zu stellen. Er weiß, daß dem
Architekten wie dem Kunstgewerbler selbst innerhalb der scharf gezogenen Grenzen
der Zweckmäßigkeit noch genügend Spielraum für seine Phantasie bleibt. Denn es
gibt ja keine absolute Zweckmäßigkeit, das heißt keine vollkommene Übereinstim
mung der gefundenen technischen Möglichkeit mit der Forderung, der diese Möglich
keit zu dienen hat. Für die Form eines Stuhles zum Beispiel gibt es eine unerschöpf
liche Zahl von Varianten, die alle auch vor der nüchternsten Kritik als durchweg
zweckmäßig würden bestehen können. Unter diesen Varianten aber eine schöpferisch
ästhetische Wahl zu treffen, das ist die Aufgabe des Künstlers. Ihm bleibt es Vor
behalten, die äußere Erscheinung als den sichtbar gewordenen Willen nicht nur von
der geistigen, sondern auch von der gefühlsmäßigen Seite zu erfassen. Er kann mit
liebevoller Einfühlung die knappe Prägnanz der Linienführung und die besondere
Struktur des Materiales zum bedeutungsvollen Ausdruck bringen, kann beim Hausbau
durch Betonung der struktiven Harmonie des Innen und Außen noch ein wertvolles
Mehr geben. Was Hoffmann so sehr auszeichnet, ist das Mehr, das er zu geben hat,
das Geist und Liebenswürdigkeit zugleich hat. So europäisch seine Bedeutung und die
Auswirkung seines Schaffens auch sein mag, so sehr österreichisch ist sie auch. Je
größer ein Künstler ist, desto tiefer offenbart er die Wesensveranlagung seiner Rasse.
Ist Hoffmann auch nur Wahl-Wiener, in Mähren geboren und erst mit 22 Jahren nach
der damaligen Reichshaupt- und Residenzstadt gekommen, so hat er dennoch die
Wiener Werkstätte geschaffen, jenen höchst bedeutsamen Kulturfaktor, der den Ruhm
des Wiener Kunstgewerbes seit Jahrzehnten mit unbestrittener Auswirkung in aller
Herren Länder trägt. Heute wieder, wo man doch schon beinahe von einer Kunst
internationale sprechen kann (und dies nicht im schlechtesten Sinne), beweist Hoff
mann auf der Werkbundausstellung 1930, daß man das Panier des kühlen und sach
lichen Werkbundgedankens hochhalten, aber dabei lächeln kann. Lächeln in spezi
fisch österreichischer und liebenswürdiger Art, wie sie überall gern gesehen ist.
Hoffmanns Schaffen umspannt alle Möglichkeiten architektonischer Gestaltung. Vom
repräsentativen Monumentalbau bis zur Silberschale und dem Tüllvorhang, vom
Fabriks- und Geschäftshausbau zum Wohnraum, vom Sanatorium und Hotel bis zum
Volkswohnhaus und zur Villenkolonie hat er alle Gebiete durch überraschende Lösun
gen bereichert. Wenn auch keiner seiner projektierten Monumentalbauten auch bis
heute zur Ausführung gelangt ist, so war es ihm doch vergönnt, durch Jahrzehnte bei
Ausstellungen die repräsentative Vertretung Österreichs zu gestalten. Er tat es 1896
bis 1910 bei Ausstellungen der Sezession in Wien, 1908 auf der Kunstausstellung in
Mannheim, 1910 auf der Kunstausstellung in Rom, 1914 auf der Werkbundausstellung in
Köln und auf der Bugra in Leipzig für das große Österreich und 1918 auf den Aus
stellungen in Stockholm und Kopenhagen, 1925 auf der internationalen Kunstgewerbe-
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