Und wenn es unserem guten Kunstgelehrten — es müsste aber schon ein hervorragend be^
gabter sein — endlich gelungen ist, sich in all diesen tollen Wirbeln von Strömung und Gegenströ'
mung und — Unterströmung zurechtzufinden, so wird er der Kunstbewegung gerade unserer Tage
noch immer verständnislos gegenüberstehen, wenn er nicht noch jene hässliche Erscheinung in den
Kreis seiner Betrachtungen zieht, die nicht schlecht mit dem Namen „falsche Secession belegt
wurde. Es soll damit die meist aus Geschäftsrücksichten, manchmal auch aus ehrlicher Uncultur
hervorgegangene Thätigkeit aller jener bezeichnet werden, welche dem grossen, in Kunstsachen
naiven Theile des Publicums leichtsinnige Erzeugnisse, Dinge, die mit Kunst überhaupt nichts zu
thun haben, als moderne Kunst anhängen und die begreifliche Verwunderung der Erwerber mit der
Versicherung, „dies sei eben Secession”, beschwichtigen. Ob dem Kaufmanne dieses Geschäft ge'
stattet sei, möge er mit seinem kaufmännischen Ehrgefühl ausmachen, wenn er überhaupt bewusst
vorgeht; der Künstler aber, der, sei es des Erwerbes wegen oder aus Leichtsinn, oder aus Sucht nach
wohlfeilem Ruhm so handelt, hat eine Sünde wider den heiligen Geist der Kunst begangen,
die ihm nie vergeben werden kann.
Im Jahre 1895 schrieb Ernst Stöhr im Vorworte zum Katalog der I. Hörmann'Ausstellung:
„In die Tiefe des Gehirns muss die Ueberzeugung gedrungen, der ganze Mensch in erglühende
Mitleidenschaft gezogen sein, das künstlerische Schaffen zur schöpferischen That werden. Jene peri'
pherische Thätigkeit zwischen Aug' und Hand, die so manchem Talente eigen ist, wobei das Herz
kalt und der Gehirncentrale jede Aufregung erspart bleibt, wurde von Hörmann auf das entschie'
denste verdammt. IVIit eiserner V^illenskraft begabt, schonungslos gegen sich selbst und andere, um
bekümmert um das Urtheil des Publicums, der Kritik und der Kunstgenossen strebte er hart und
fest seinem Ziele entgegen. Er machte keine Zugeständnisse und hat sich nie etwas vergeben.
In trefflicher Weise schildern diese Worte das Wesen des echten Künstlerthums, dessen Wirken
nicht der Convention, sondern der Ueberzeugung entspringt und in ihr die einzige Nothwendigkeit
anerkennt. Treue zu sich selbst ist die höchste Charaktereigenschaft, die vom Künstler gefordert
wird, und „dass das Genie nur entstehen kann, wenn zum Talent auch der Charakter hinzutritt ,
ist eine Wahrheit, die einem Grillparzer (Nachlass) bedeutend genug erschien, um ihn immer wieder
neue und schlagendere Ausdrucksformen für sie suchen zu lassen.
Gerade aber der Architekt kommt mehr als jeder andere Künstler mit dem Leben und seinen
Forderungen in unmittelbare Berührung, gerade er ist mehr als jeder andere der Versuchung ausge'
setzt, Zugeständnisse zu machen. In besonderem IS^asse bedarf er daher, will er die hohen Ehren
wirklichen Künstlerthums erreichen, von Jugend auf des unerschütterlichen glaubensvollen Festhai'
tens an seinen Ueberzeugungen. Es ist also vollkommen richtig, wenn ein Lehrer wie Otto Wagner
seine Aufgabe nicht mit der Vermittlung des Könnens und Vossens erschöpft glaubt, sondern auf
die ganze Lebensauffassung seiner Schüler Einfluss zu nehmen trachtet, ihnen eine hohe Ehrfurcht
vor ihrem Berufe und damit ein kräftiges Standesbewusstsein anzüchtet und überhaupt Wert darauf
legt, in seiner Schule stets eine hochgespannte Stimmung der Begeisterung wachzuhalten.
Die jungen Meister, welche alljährlich mit so gegründeten Hoffnungen auf eine grosse Zukunft
diese Schule verlassen, werden den besten Traditionen derselben treu bleiben, wenn sie nie im Leben
das stolze V^ort vergessen, das heute von Hörmann gilt: „Er hat sich nie etwas vergeben.
WIEN, October 1900. ALFRED ROLLER.
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