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Full text : Aus der Wagnerschule 1900

Und  wenn  es  unserem  guten  Kunstgelehrten  —  es  müsste  aber  schon  ein  hervorragend  be^
gabter  sein  —  endlich  gelungen  ist,  sich  in  all  diesen  tollen  Wirbeln  von  Strömung  und  Gegenströ'
mung  und  —  Unterströmung  zurechtzufinden,  so  wird  er  der  Kunstbewegung  gerade  unserer  Tage
noch  immer  verständnislos  gegenüberstehen,  wenn  er  nicht  noch  jene  hässliche  Erscheinung  in  den
Kreis  seiner  Betrachtungen  zieht,  die  nicht  schlecht  mit  dem  Namen  „falsche  Secession  belegt
wurde.  Es  soll  damit  die  meist  aus  Geschäftsrücksichten,  manchmal  auch  aus  ehrlicher  Uncultur
hervorgegangene  Thätigkeit  aller  jener  bezeichnet  werden,  welche  dem  grossen,  in  Kunstsachen
naiven  Theile  des  Publicums  leichtsinnige  Erzeugnisse,  Dinge,  die  mit  Kunst  überhaupt  nichts  zu
thun  haben,  als  moderne  Kunst  anhängen  und  die  begreifliche  Verwunderung  der  Erwerber  mit  der
Versicherung,  „dies  sei  eben  Secession”,  beschwichtigen.  Ob  dem  Kaufmanne  dieses  Geschäft  ge'
stattet  sei,  möge  er  mit  seinem  kaufmännischen  Ehrgefühl  ausmachen,  wenn  er  überhaupt  bewusst
vorgeht;  der  Künstler  aber,  der,  sei  es  des  Erwerbes  wegen  oder  aus  Leichtsinn,  oder  aus  Sucht  nach
wohlfeilem  Ruhm  so  handelt,  hat  eine  Sünde  wider  den  heiligen  Geist  der  Kunst  begangen,
die  ihm  nie  vergeben  werden  kann.
Im  Jahre  1895  schrieb  Ernst  Stöhr  im  Vorworte  zum  Katalog  der  I.  Hörmann'Ausstellung:
„In  die  Tiefe  des  Gehirns  muss  die  Ueberzeugung  gedrungen,  der  ganze  Mensch  in  erglühende
Mitleidenschaft  gezogen  sein,  das  künstlerische  Schaffen  zur  schöpferischen  That  werden.  Jene  peri'
pherische  Thätigkeit  zwischen  Aug'  und  Hand,  die  so  manchem  Talente  eigen  ist,  wobei  das  Herz
kalt  und  der  Gehirncentrale  jede  Aufregung  erspart  bleibt,  wurde  von  Hörmann  auf  das  entschie'
denste  verdammt.  IVIit  eiserner  V^illenskraft  begabt,  schonungslos  gegen  sich  selbst  und  andere,  um
bekümmert  um  das  Urtheil  des  Publicums,  der  Kritik  und  der  Kunstgenossen  strebte  er  hart  und
fest  seinem  Ziele  entgegen.  Er  machte  keine  Zugeständnisse  und  hat  sich  nie  etwas  vergeben.
In  trefflicher  Weise  schildern  diese  Worte  das  Wesen  des  echten  Künstlerthums,  dessen  Wirken
nicht  der  Convention,  sondern  der  Ueberzeugung  entspringt  und  in  ihr  die  einzige  Nothwendigkeit
anerkennt.  Treue  zu  sich  selbst  ist  die  höchste  Charaktereigenschaft,  die  vom  Künstler  gefordert
wird,  und  „dass  das  Genie  nur  entstehen  kann,  wenn  zum  Talent  auch  der  Charakter  hinzutritt  ,
ist  eine  Wahrheit,  die  einem  Grillparzer  (Nachlass)  bedeutend  genug  erschien,  um  ihn  immer  wieder
neue  und  schlagendere  Ausdrucksformen  für  sie  suchen  zu  lassen.
Gerade  aber  der  Architekt  kommt  mehr  als  jeder  andere  Künstler  mit  dem  Leben  und  seinen
Forderungen  in  unmittelbare  Berührung,  gerade  er  ist  mehr  als  jeder  andere  der  Versuchung  ausge'
setzt,  Zugeständnisse  zu  machen.  In  besonderem  IS^asse  bedarf  er  daher,  will  er  die  hohen  Ehren
wirklichen  Künstlerthums  erreichen,  von  Jugend  auf  des  unerschütterlichen  glaubensvollen  Festhai'
tens  an  seinen  Ueberzeugungen.  Es  ist  also  vollkommen  richtig,  wenn  ein  Lehrer  wie  Otto  Wagner
seine  Aufgabe  nicht  mit  der  Vermittlung  des  Könnens  und  Vossens  erschöpft  glaubt,  sondern  auf
die  ganze  Lebensauffassung  seiner  Schüler  Einfluss  zu  nehmen  trachtet,  ihnen  eine  hohe  Ehrfurcht
vor  ihrem  Berufe  und  damit  ein  kräftiges  Standesbewusstsein  anzüchtet  und  überhaupt  Wert  darauf
legt,  in  seiner  Schule  stets  eine  hochgespannte  Stimmung  der  Begeisterung  wachzuhalten.
Die  jungen  Meister,  welche  alljährlich  mit  so  gegründeten  Hoffnungen  auf  eine  grosse  Zukunft
diese  Schule  verlassen,  werden  den  besten  Traditionen  derselben  treu  bleiben,  wenn  sie  nie  im  Leben
das  stolze  V^ort  vergessen,  das  heute  von  Hörmann  gilt:  „Er  hat  sich  nie  etwas  vergeben.
WIEN,  October  1900.  ALFRED  ROLLER.

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