Die Poesie tritt für den bauenden Künstler erst
wieder in ihre Rechte, wenn’s an den Decor geht.
Da kann er Motive poetisch erfinden und kann sie
dies und jenes sagen lassen. Aber gleich muss er
wieder an das Material, an die Ausführungstechnik
denken, und mit der Poesie ist's wieder aus. — Im
Garten legt er einen Teich an, darin sich tausend
Sonnen spiegeln, wenn die Kaltblütigen mit goldi'
gern Geglitzer dahinjagen und ein leiser Wind den
Spiegel kräuselt. — Wenn's fertig ist, dann ist es
freilich poetisch, das Werk, das der Baukünstler ge^
schaffen hat; es kann ideal sein, wenn’s ursprünglich
so empfunden war. Unterm Schaffen aber ist seinem
Schöpfer nicht gestattet, sich der Schwärmerei him
zugeben, und wer es doch thut, genügt eben nicht
seiner Pflicht. Marcell Kämmerer.
OTTO SCHÖNTHAL. KIRCHENPORTAL.
Aus nüchternen Steinmassen lösen sich als Form
ein Sarkophag aus schwarzem Marmor und zwei
Genien, die ihn bewachen. — Adveniat regnum
tuum. — In dieser ernsten Stimmung soll der Gläu'
bige das Innere der Begräbniskirche betreten.
Diese Studie ist dem Concurrenzprojecte für
eine Friedhofskirche auf dem Wiener Central'
friedhofe entnommen. Das Project kam wohl in
engere Wahl, wurde jedoch eines Verstosses gegen
das Concurrenzprogramm wegen von der Preisbe'
Werbung ausgeschlossen. Otto Schönthal.
OTTO SCHÖNTHAL.
ENTWURF FÜR EIN KÜNSTLERHEIM.
SCHULPROJECT. II. JAHRGANG.
Ich stelle mir das Heim eines modern denkenden
Künstlers als eine Welt vor, in der er aufgeht,
in der jede Form seinem „ich" entstammt, jeder
Stein ihm das Märchen von seiner Kunst, seinem
Glauben erzählt. Jeder Künstler wird es aber anders
bauen, und ich kann meine Arbeit nur als eine
Skizze bezeichnen, die einen Fall in grossen Zügen
behandelt. Das Programm nimmt nicht Bezug auf
einen bestimmten Künstler; so wählte ich für mein
Project eine ideale Künstlergestalt von dem Seelen
und Geistesleben des Meisters Heinrich aus Haupt
manns „Versunkener Glocke”. Ihm wollte ich den
Zaubergarten schaffen, in welchem seine Künstler'
seele sich den Augen der Menschen offenbaren
konnte. — Im Duft der Bäume und Sträucher
umgibt ihn hier das ewige Werden und Vergehen
von Baum und Zweig, von Blüte und Blatt
mit tausendfachem Formenspiele. Im Rauschen
des Laubes, im Neigen der Wipfel fühlt er hier:
„Das Märchen geht durch den Wald”. — Am
breiten Wege führt den Blick eine Linie geschnit'
tenen Buxes, über das Wasser her ruft Rautendelein,
und über dem Ganzen erglänzt ein heller Punkt:
das Haus. Aus schmucklos glatter Fläche heraus
strebt gleich einem Keil eine Form in freier Endi'
gung hinausragend — der unbekannten Zukunft
entgegen. Otto Schönthal.
Diese Arbeit wurde durch Verleihung des Schul'
preises ausgezeichnet.