Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Katalog der Wiener-Congress-Ausstellung 1896

Sammelpunkt  des  Widerstandes  gegen  Frankreich  gewesen.  In
Wien  hatte  sich  ein  Jahrzehnt  hindurch  Alles  Stelldichein  gegeben,
was  die  Revolution  und  Napoleon  hasste,  was  von  einer  gemeinsamen ­
  Erhebung  aller  Fürsten  und  Völker  Europas  gegen  den  gemeinsamen ­
  Unterdrücker  zuerst  nur  träumte  und  schwärmte,
dann  sie  predigte  und  forderte.  In  Wien  hatten  sich  die  entthronten ­
  deutschen  Fürsten,  die  verjagten  Prälaten  und  Reichsritter ­
  versammelt,  um  hier,  zu  Füssen  des  Kaiserthrons,  Schutz
und  Hilfe  zu  finden;  hieher  waren  alle  die  gekommen,  die  ein
Machtwort  des  Despoten  aus  ihrem  Vaterlande  verbannt  hatte.
Hier  waren  die  Fäden  der  geheimen,  vielgeschäftigen  anti-napoleonischen
  Liga  zusammengelaufen,  die  in  den  Jahren  1810undl811
ihr  Gewebe  von  England  bis  nach  Sicilien  breitete.  Und  zuletzt,
in  der  grossen  Krisis,  die  zur  Befreiung  führte,  hatte  die  Wiener
Hofburg  den  Ausschlag  in  die  schwankende  Wage  gelegt.  Von
dem  Augenblicke  an,  da  sich  Oesterreichs  Heere  mit  denen  Russlands ­
  und  Preussens  vereinigten,  war  auch  das  physische  Uebergewicht
  auf  Seite  der  Gegner  Napoleon’s.  Und  endlich  besass
Kaiser  Franz  das  höchste  persönliche  Ansehen  in  Europa.  Obwohl
noch  in  der  Vollkraft  männlicher  Jahre,  stand  er  doch  wie  ein
Patriarch  unter  den  Fürsten,  denn  er  hatte  als  der  Letzte  die  Krone
des  heiligen  römischen  Reiches  getragen;  in  ihm  schienen  alle  guten
Traditionen  der  alten  Zeit  personificirt.
Ungeheuer  waren  die  Erwartungen,  die  Deutschland  auf  den
Gongress  setzte.  Die  „teutsche  Rathsversammlung“,  der  „teutsche
Congress“  —  so  wurde  er  dort  genannt.  Viele  erhofften  von  ihm
die  Wiederherstellung  des  alten  Reiches  und  der  alten  Kaiserwürde, ­
  fast  Alle  eine  festere  Einheitsform,  die  der  Nation  für  die
Zukunft  eine  Bürgschaft  äusserer  Sicherheit  und  inneren  Gedeihens
gewesen  wäre;  Einige  meinten  auch,  es  müssten  zu  Wien  gewisse
Grund-  und  Freiheitsrechte  des  deutschen  Volkes  verbrieft  und
besiegelt  werden.  Im  Prophetentone  sprachen  Manche  von  einer
Umgestaltung  aller  Dinge,  vom  Anbruche  einer  neuen  goldenen
Zeit,  Dichter  stimmten  ihre  Leyer  auf  die  gewaltigsten  Accorde.
„Waltende  Hüter  des  Seins  und  Werdens“,  so  apostrophirt  Graf
Friedrich  Leopold  Stolberg  die  Congressmitglieder  —  „wann“,  fragt
er,  „wann  dröhnten  jemals  so  auf  des  Rathes  Tisch,  verhängnissschwanger,
  die  Schicksalswürfel?“  Und  er  ruft  der  Versammlung
die  frömmsten  Segenswünsche  zu:
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.