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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

V.

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hat  *),  sind  erfolglos  geblieben,  und  sind  im  Drange  der  Geschäfte  und
Zeiten  achtungsvoll  bei  Seite  gelegt  worden.  Allerdings  sind  die  Umstände ­
  für  Anträge  ähnlicher  Art  nicht  sehr  geeignet.  Was  aber  gewiss
geeignet  ist  und  durch  den  Gegenstand  der  heutigen  Besprechung  gerechtfertigt ­
  wird,  das  ist  ein  Mahnruf  an  die  Zukunft,  die  Aufforderung  an
jene,  denen  das  Gedeihen  der  Blütbe  der  akademischen  Jugend,  und  das
sind  gewiss  die  mit  Kaiserpreisen  ausgezeichneten  Zöglinge,  am  Herzen
liegt.  Möchten  diese  Worte  nicht  erfolglos  verklingen!  Da  so  selten  Marmorwerke ­
  im  öffentlichen  Aufträge  gemacht  wurden,  so  hatte  auch  die
vornehme  Welt  keine  Aufforderung  zu  Marmorwerken;  in  keiner  Grossstadt ­
  befinden  sich  so  wenig  Marmorwerke  in  den  Salons  der  Reichen
oder  in  den  Sammlungen  der  Kunstfreunde.  Die  Plastik  ist  eben  ein  Stiefkind ­
  der  Vornehmen  Wiens.  Den  Bildhauern  der  damaligen  Zeit  fehlten
daher  Aufträge  und  Bestellungen,  um  eine  einigermassen  erfreuliche  Thätigkeit
  zu  entfalten.  Aber  woher  sollten  diese  kommen  in  einer  Zeit,  in
welcher  alle  geistigen  Kräfte  des  Volkes  und  des  Staates  bevormundet
wurden  und  in  der  selbst  diejenigen,  welche  aus  Liebe  zur  Kunst  oder
aus  patriotischen  oder  aus  persönlichen  Interessen  plastische  Werke  bestellen ­
  wollten,  es  nicht  durften,  und  diejenigen,  welche  es  durften,  nicht
konnten?  Es  ist  gewiss  einer  der  fruchtbarsten  Sätze,  welche  Winckelmann
  in  seiner  unübertroffenen  »Geschichte  der  Kunst  des  Alterthums«
ausgesprochen  hat,  wenn  er  sagt,  dass  die  politische  Freiheit  Griechenlands ­
  beigetragen  hat,  speciell  zur  glänzenden  Entfaltung  der  Plastik.  Diesen ­
  Satz  muss  jede  lebensfähige  politische  Partei  als  richtig  anerkennen,
der  Conservative  wie  der  Liberale;  nur  eine  Regierungsform  ist  der  Kunst
und  der  Plastik  absolut  schädlich,  es  ist  das  System  der  polizeilichen  Bevormundung, ­
  und  gerade  dieses  System  war  es,  was  Oesterreich  bis  zum
Jahre  1848  beherrscht  hat  und  zwar  mit  immer  steigender  Consequenz,
denn  die  Bildhauerkunst  ist  eben  eine  Denkmalskunst;  sie  ist  als  solche
berufen  das  Andenken  derjenigen  in  dauernder  Weise  festzuhalten,  die
sich  für  die  Familie  und  die  Gemeinde,  für  die  Kirche  und  für  den  Staat,
für  das  Volk  oder  für  die  Dynastie  hervorragende  Verdienste  erworben
haben.  Sie  wurzelt  daher  gleichmässig  im  Gefühle  wie  im  Gedanken  und
appellirt  nicht  minder  an  das  eine  wie  an  das  andere.  Sie  setzt  Interessen
voraus,  welche  ihre  Vertretung  und  Verkörperung  verlangen,  und  sie  wird
getödtet  in  dem  Augenblicke,  wo  es  nicht  gestattet  ist,  diese  Interessen
auszusprechen  und  das  Volk  und  die  verschiedenen  Classen  der  Gesellschaft ­
  zum  Schweigen  verurtheilt  sind.  Selbst  eine  despotische  Regierung,
das,  was  die  Griechen  mit  dem  Ausdruck  der  Tyrannis  bezeichnet  haben,
sobald  sie  auf  eine  selbstbewusste  Action  ausgeht,  ist  weniger  schädlich
für  die  Entwicklung  der  Plastik,  als  das  geistige  Bevormundungssystem.

*)  S.  Wiener  Abendpost  1873,  Nr.  97:  »Künstlerbildung  in  Rom.
            
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