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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

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Schritte  an  schon  in  einer  viel  günstigeren  Lage  als  die  Plastik.  Schon
vor  dem  Jahre  1848  befreiten  sich  die  Wiener  Architekten  von  dem  localen ­
  Particularismus,  und  es  ist  ein  Zeichen  ihrer  Bildung,  dass  sie  sich
nicht  engherzig  abschlossen,  wie  dies  in  Berlin  der  Fall  ist.  Ludwig
Förster,  ein  Preusse  von  Geburt,  gründete  schon  im  Jahre  1835  in  Wien
die  Allgemeine  Österreichische  Bauzeitung.  An  der  Wiener  Akademie  lehrten
drei  Architekten,  die  alle  der  modernen  deutschen  Kunstrichtung  angehörten; ­
  zwei  von  ihnen,  Eduard  van  der  Nüll  und  Siccardsburg,  erwarben ­
  sich  um  die  Wiener  Kunst  unvergängliche  Verdienste,  nicht  blos
durch  die  Belebung  des  künstlerischen  Geistes  unter  den  Architekten,  sondern ­
  wesentlich  dadurch,  dass  sie  die  Kraft  hatten,  in  der  Akademie  eine
Schule  im  eigentlichsten  Sinne  des  Wortes  zu  bilden.  Bis  auf  den  heutigen ­
  Tag  sind  es  diese  Schüler  der  Akademie,  die  an  dem  ganzen  Bauleben ­
  Wiens  in  hervorragenderWeise  theilnehmen.  Später  trat  in  den  Kreis
der  akademischen  Lehrer  Friedrich  Schmidt,  ein  Schwabe  von  Geburt,
ein,  der  im  Bauleben  Wiens  noch  gegenwärtig  eine  dominirende  Stellung
einnimmt.
Die  Wiener  Architekten  vertraten  verschiedene  Richtungen;  die  moderne, ­
  der  Renaissance  zustrebende  Architektur  fand  in  Van  der  Nüll,
Ferstel,  Hasenauer,  Schwendenwein  u.  A.  ihre  Führer,,  der  Classicismus
in  Flansen  und  die  Gothik  in  Ferstel  und  Friedrich  Schmidt.  Durch  das
Wirken  dieser  Männer  hat  die  grosse  Architektur  in  Wien  einen  wunderbaren ­
  Aufschwung  genommen;  aber  diese  Lichtseiten  der  Stadterweiterung
hatten  auch  ihre  Schattenseiten.  Die  Bauthätigkeit  überstürzte  sich  bald;
die  Baugesellschaften  förderten  —  und  das  lag  in  ihrer  Natur—  mehr  den
Geschäftsgeist  als  das  künstlerische  Element,  und  dadurch  traten  auch
Erscheinungen  auf  dem  Gebiete  der  Architektur  hervor,  welche  das  künstlerische ­
  Element  abschwächten.  Die  Zahl  der  Architekten  wuchs  mit  den
Baugesellschaften;  halbfertige  Zöglinge  der  Architekturschule  verliessen
ihre  Studiensäle,  um  sich  dem  überreizten  Bauleben  in  die  Arme  zu  werfen.
Diese  Verhältnisse  mussten  auf  die  Bildhauerei  Einfluss  haben  und  die
Stellung  der  Plastik  zur  Architektur  verrücken.  Die  Plastik  kam  in  Gefahr, ­
  ihre  Selbstständigkeit  zu  verlieren  und  zu  einer  dienenden  Kunst
herabzusinken.  Nur  bei  wenigen  Bauten  kam  die  Plastik  zu  selbsteigener
Geltung,  am  meisten  bei  dem  Flofoperntheater  und  der  Votivkirche.  Der
Natur  der  Sache  nach  konnte  die  Bildhauerkunst  bei  der  Stadterweiterung
erst  dann  einen  bedeutenden  Antheil  nehmen,  als  die  Baugesellschaften
schon  das  Bauwesen  in  ihre  Hände  genommen  hatten.  Das  einzige  hervorragende ­
  Talent  für  Plastik,  das  an  der  Grenze  der  Bewegungsjahre
selbstständig  auftrat,  brachte  es  nicht  zu  jenen  reinen  Resultaten,  welche
sein  unzweifelhaft  grosses  Talent  versprochen  hatte  —  wir  meinen  den
Kärntner  Hans  Gasser,  der  mit  seinem  Jugendwerke,  dem  Faustkämpfer,
seine  Laufbahn  glänzend  begann,  sie  aber  nur  mit  ungleichen  Erfolgen  durchführte. ­
  Die  geistige  Schulung,  die  ihm  fehlte  und  der  Geschäftsgeist,  der
            
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