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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

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Deswegen  auch  ist  es  nöthig,  auf  die  geistige  Müsse  Gewicht  zu  legen,
welche  eine  Grundbedingung  eines  jedweden  künstlerischen  Schaffens  höherer ­
  Art  ist.  Aber  woher  soll  uns  diese  Müsse  kommen  in  diesen  aufgeregten ­
  Zeiten,  in  der  Hast  des  Bauens,  in  dem  Drange  des  Fertigwerdens, ­
  bei  den  niedrigen  Preisen  und  bei  der  Ungeduld  des  Publicums,  —
diese  geistige  Müsse,  die  Alle  verlangen  und  die  Niemand  gewährt?  Wir
kommen  vielleicht,  indem  wir  diese  Frage  aufwerfen,  auf  den  wundesten
Punkt  in  unserem  heutigen  Kunstleben.  Wir  können  darüber  ganz  offen
sprechen,  weil  diese  geistige  Müsse,  die  Ruhe  im  Schaffen,  nicht  blos  der
bildenden  Kunst  fehlt,  auch  im  literarischen  Leben  ist  sie  gewichen.  Das
liegt  in  der  Nervosität  unserer  Zeit  und  der  geringen  Werthschätzung
einer  höheren  geistigen  Leistungsfähigkeit.
In  den  Zeiten  des  stürmischen,  ruhelosen  Baulebens  ist  das  selbstständige ­
  plastische  Werk  gründlich  bei  Seite  geschoben  worden.  Je  schneller
eine  Gestalt  fertig  wurde  und  vor  Allem,  je  wohlfeiler  sie  geliefert  wurde,
desto  wünschenswerther  erschien  sie  Vielen  ;  ja  es  schien,  als  ob  das  ein
ganz  besonderer  Vorzug  sei,  dass  es  Bildhauer  gab,  die  rasch  und  wohlfeil
zugleich  den  Bedürfnissen  der  betreffenden  Bauherren  zur  Verfügung  standen.
Dass  die  geistige  und  sociale  Misere  die  natürliche  Folge  solchen  Gebahrens
  war,  das  liegt  klar  auf  der  Hand,  und  wenn  irgend  einmal  eine  kundige ­
  Feder  die  Geschichte  der  Gegenwart  schreiben  wird,  so  wird  man
diejenigen  zur  Verantwortung  ziehen,  welche  den  Bildhauern  die  geistige
Müsse  genommen  und  jenes  Geschlecht  gross  gezogen  haben,  das  nur
schnell  und  wohlfeil  arbeitet.  Es  gibt  Zeiten,  die  in  einer  fortwährenden
Selbsttäuschung  sich  befinden,  und  den  raschen  und  momentanen  Erfolg
für  wirklichen  Fortschritt  halten.  Es  ist  gut,  sich  Beispiele  aus  solchen
Zeiten  vor  Augen  zu  halten  als  Spiegelbild  für  die  Gegenwart.  Wie  pries
Giorgio  Vasari  seine  Zeit,  die  es  vermocht  hat,  grosse  Gemälde,  weitläufige
Frescobilder  schnell  zu  malen  und  dadurch  Bewunderung  zu  erregen.  Seine
Zeit  war  ganz  fortschrittlich  gesinnt,  und  hatte  glücklicherweise  die  Zeit
eines  Bellini,  eines  Francia  und  Perugino  hinter  sich,  wo  die  Maler  sorgsam ­
  an  der  Staffelei  sassen,  ihre  Werke  gründlich  durcharbeiteten  und  mit
künstlerischer  Gewissenhaftigkeit  vollendeten;  »wozu  unsere  alten  Maler
Jahre  brauchen«,  rief  Vasari,  »das  vollenden  wir  in  wenigen  Monaten«,  und
schon  wenige  Jahrzehnte  nach  Giorgio  Vasari,  wer  kümmerte  sich  noch
um  die  Bilder  seiner  Zeit,  die  mit  Sturmesschritt  dem  Verfalle  entgegengingen, ­
  während  wir  noch  heute  mit  einer  Bewunderung,  welche  sich
von  Jahr  zu  Jahr  steigert,  jene  Bilder  betrachten,  die  in  geistiger  Ruhe,
in  künstlerischer  Müsse  und  Gewissenhaftigkeit  durchgeführt  sind.
So  wird  auch  jene  Plastik,  welche  die  Hast  des  Baulebens  geschaffen
hat,  spurlos  vorübergehen  und  nur  um  ein  Capitel  unsere  sociale  Noth
vermehren,  während  das  in  künstlerischer  Weise  geschaffene  Bildwerk  Generationen ­
  zu  überdauern  berufen  ist.  So  vollzog  sich  in  der  Zeit  der
            
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