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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

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Gesellschaft,  sich  mit  eleganten  Bronzen  zu  umgeben,  und  es  wird  lange
dauern,  bis  diese  Gewohnheiten  in  die  Kreise  eindringen  werden  ,  welche
auf  unsere  Bronzetechnik  Einfluss  haben.  In  Frankreich  ist  es  nicht  die
höhere  künstlerische  Begabung,  welche  der  Entwicklung  der  Bronze  zu
Gute  kommt  —  obgleich  man  nicht  verkennen  kann,  dass  die  französischen ­
  Bildhauer  eminent  geschult  und  durchgebildet  sind  —  sondern  in
erster  Linie  die  kolossale  Entwicklung  der  ganzen  französischen  Metallindustrie. ­
  Deswegen  auch  gewinnt  die  Galvanoplastik  in  Oesterreich  so
schwer  Boden,  und  aus  gleichen  Gründen  ist  auch  der  Kunsteisenguss,
der  in  Frankreich  so  viele  Künstlerkräfte  beschäftigt,  in  Oesterreich  nur
für  vorwiegend  industrielle  Zwecke  im  Gebrauch.
Was  vom  Erzgusse  gilt,  das  gilt  in  gewisser  Beziehung  auch  für
den  Marmor.  Bronze  und  Marmor  sind  das  schönste  und  vorzüglichste
Material;  wo  sich  Künstler  und  Marmor  natürlich  zusammenfinden,  da  sind
die  Elemente  für  ächte  Plastik  vorhanden.  Kein  Bildhauer  lässt  sich  gerne
die  Gelegenheit  entgehen,  in  Marmor  zu  arbeiten.  Und  da  nun  in  unseren
Bergen  wie  das  Eisen  so  auch  der  Marmor  in  Hülle  und  Fülle  vorhanden
ist,  so  sollte  man  glauben,  dass  Oesterreich  ganz  speciell  das  Land  sei,
wo  die  Marmor-  und  Eisentechnik  blühen;  aber  siehe  da!  vergebens
suchen  wir  in  Wien  die  Ateliers,  in  denen  in  einheimischem  Marmor  gearbeitet ­
  wird,  wie  es  in  Berlin*)  und  selbst  in  München  der  Kall  ist.  Erst
in  der  jüngsten  Zeit  werden  Versuche  gemacht,  die  österreichischen  Marmorbrüche ­
  zu  eröffnen  und  sie  der  Kunst  zugänglich  zu  machen,  aber
mit  ungenügenden  Mitteln.  Was  in  Wien  in  Marmor  gearbeitet  wird,
kommt  den  wälschen  Händlern  und  den  Marmorbrüchen  von  Carrara  zu
Gute.  Der  Triestiner  Marmor  wird  nur  zu  rein  architektonischen  Zwecken,
für  Säulen,  Capitäle  u.  dgl.  verwendet,  höchst  selten  für  figurale  Plastik.
Vergebens  hat  sich  Prof.  Suess**)  bemüht,  auf  die  Bedeutung  der  Steinbrüche ­
  in  den  österreichischen  Bergen  aufmerksam  zu  machen.  In  wenigen
Wiener  Ateliers  wird  Tiroler  Marmor  verwendet,  mit  Ausnahme  von
Wagner,  Schmidtgruber  und  in  grösstem  Style  von  Zumbusch,  welcher  im
Vereine  mit  Oberbaurath  Ferstel  im  Aufträge  der  Regierung  die  Laaser
Marmorbrüche***)  untersucht  hat.  Auch  hier  ist,  wie  bei  der  Bronze,
die  industrielle  Frage  fast  ebenso  wichtig,  wie  die  künstlerische.  Hier
kommt  noch  dazu  die  österreichische  Capitalarmuth  in  Betracht,  und  in
diesem  Augenblicke  ist  das  Capital  vorsichtiger  als  je  und  nicht  geneigt,
industriellen  Unternehmungen  sich  zur  Verfügung  zu  stellen.  Ferner  ist
auch  hier  der  Mangel  jener  Kunstbildung  in  Erwägung  zu  ziehen,  welche

*)  Der  preuss.  Staatsanzeiger  brachte  die  Nachricht,  dass  für  die  Trierer  Basilica  drei
Figuren  aus  Tiroler  Marmor  von  Staatswegen  angefertigt  werden.
**)  Der  Vortrag  ist  abgedruckt  in  den  »Mittheilungen  des  Museums«  Jahrg.  1867,
Nr.  16—17.
***)  Im  Anhänge  bringen  wir  den  Bericht  der  Herren  Ferstel  und  Zumbusch  über
den  Laaser  Marmor.
            
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