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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

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als  solches  bietet.  Für  die  monumentale  Plastik  haben  sie  sich  als  wenig
geeignet  erwiesen.  Ist  es  an  und  für  sich  schon  etwas  Widersprechendes,
Terracottafiguren  dort  anzubringen,  wo  man  ein  besseres  Material  für
architektonische  Glieder  verwenden  konnte,  so  haben  die  Terracottafiguren
noch  das  Unangenehme,  dass  sie,  je  höher  sie  stehen,  desto  weniger
deutlich  sind;  es  kommt  höchstens  die  Silhouette,  aber  fast  nirgends  die
bildhauerische  Arbeit  zur  Geltung.  Es  können  daher  die  figuralen  Terracotten
  nur  als  eine  Art  von  Surrogat  betrachtet  werden;  man  wendet  sie
an,  weil  man  eben  kein  Geld  für  Figuren  in  besserem  Materiale  hat;  sie
sind  in  der  Regel  nichts  als  ein  Nothbehelf.  Auch  muss  man  die  Terracotta
  mit  Farbe  verbinden  —  von  vergoldeten  Terracotten  bei  den
Griechen  sprechen  schon  die  alten  Schriftsteller  —  oder  man  muss  die
Farbenwirkung  mit  ihnen  in  Verbindung  bringen,  wie  bei  den  Robbia’s.
Die  reine  Terracotta  aber  muss,  wie  gesagt,  künstlerisch  behandelt  sein,
im  eigentlichsten  Sinne  des  Wortes;  mit  der  fabriksmässigen  Erzeugung
von  Figuren  in  Terracotta  degradirte  sich  die  Plastik  selbst.
Wir  haben  der  technischen  Seite  der  Plastik  etwas  mehr  Aufmerksamkeit ­
  gezollt  als  es  vielleicht  nöthig  war,  aber  es  würden  die  Erscheinungen ­
  in  unserem  Bildhauerleben  in  der  Aera  der  Stadterweiterung  nicht
mit  aller  Deutlichkeit  hervortreten,  wenn  wir  über  die  Materialsfrage  nur
flüchtig  hinweggegangen  wären.  Vereinigen  wir  die  einzelnen  Züge  der
Plastik  in  der  Sturmperiode  der  Stadterweiterungsbauten,  so  erhalten  wir
das  Bild  eines  überstürzten  Baulebens,  das  der  Bildhauerei  nachtheilig
war.  Die  Zahl  der  Bildhauer  vermehrte  sich,  ohne  das  Interesse  für  das
plastische  Kunstwerk  zu  vermehren.  Je  schneller  eine  Arbeit  geleistet
werden  musste,  desto  weniger  Ansprüche  konnten  erhoben  werden,  desto
geringer  war  die  Entlohnung  und  die  Bildhauerkunst  war  in  Gefahr,  eine
Unternehmung  zu  werden  wie  Unternehmungen  anderer  Art,  wo  den
Gewinn  und  die  Auszeichnung  diejenigen  ernten,  welche  die  Unternehmung ­
  leiten,  aber  nicht  der  Künstler,  welcher  das  Kunstwerk  schafft.
Wir  würden  sagen,  es  sei  gut,  dass  wir  diese  Periode  hinter  uns  haben,
würde  der  Weg,  den  wir  überschauen,  nicht  mit  so  viel  Trümmern,  nicht
mit  so  viel  socialem  und  persönlichem  Unglück  bedeckt  sein.  Die  Ernüchterung ­
  musste  kommen,  und  als  ein  Symptom  dieser  Ernüchterung
muss  man  die  Petition  bezeichnen,  welche  die  Bildhauer  Wiens  vor  einigen
Monaten  den  verschiedenen  Ministerien  übergeben  haben,  und  es  werden
nun  sachliche  Erwägungen  und  die  ernsthafteren  Fragen  ruhig  und  leidenschaftslos ­
  erörtert  werden  können.
Die  sachlichen  Erwägungen  berühren  die  sociale  Frage,  die  künstlerische ­
  und  die  Beziehungen  zum  Publicum.  Die  Bildhauer  leiden  an
dem  Mangel  an  Ateliers  und  daran,  gutes  Material  um  relativ  wohlfeilen
Preis  zu  erhalten.  Es  sind  das  Schwierigkeiten,  die  ausserordentlich  schwer
beseitigt  werden  können.  In  Städten,  wo  ein  reiches  Bildhauerleben  sich
bereits  eingebürgert  hat,  fehlt  es  nicht  an  Ateliers,  weder  in  Rom  und
            
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