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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

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Zwangslagen  nicht  gefallen  lassen.  Allerdings  liegt  in  diesem  freien  Bestimmungsrecht ­
  manche  Gefahr;  aber  man  darf  nicht  verkennen,  dass  eben
auch  dadurch  die  Gelegenheiten  vermehrt  werden  zu  Bestellungen  für
Kunstwerke  und  dass  der  Ehrgeiz  in  den  verschiedenen  Körperschaften
wach  gerufen  wird,  Kunstwerke  zu  bestellen.  Und  darauf  muss  der  Accent
gelegt  werden,  und  es  müssen  auch  die  Bemühungen  aller  intelligenten  Bildhauer ­
  darauf  gerichtet  sein,  dass  sich  die  Gelegenheiten  zu  Bestellungen  von
selbstständigen  Bildhauerwerken  in  ganz  Oesterreich  vermehren;  daher  muss
den  Bestellern  auch  die  volle  Freiheit  in  der  Wahl  der  Künstler  gewahrt
werden.  Ob  das  Werk  einem  Inländer  oder  einem  sogenannten  Ausländer ­
  zu  Gute  kommt,  das  ist  von  secundärer  Bedeutung,  wenn  nur  der
eingewanderte  Künstler  tüchtig  ist  und  in  Oesterreich  seinen  bleibenden
Aufenthalt  nimmt.  Die  Kunst  ist  eben  keine  Zunft  und  ist  es  auch  nie
gewesen.  In  der  Freiheit  der  Bewegung  der  Künstler  aller  Welt  und  in
der  Wechselseitigkeit  auch  der  Kunstwerke  liegt  ein  bedeutsames  Element
des  Fortschrittes  auf  dem  Gebiete  der  Kunst.  Auf  diesen  Elementen  beruht ­
  auch  wesentlich  das  Wiener  Kunstleben  auf  dem  Gebiete  der  Architektur ­
  wie  nicht  minder  auf  dem  Gebiete  der  Sculptur.  Von  den  Zeiten
Burnacini’s  angefangen,  bis  auf  die  Gegenwart  nahmen  auswärtige  Bildhauer ­
  auf  die  Entwicklung  Wiens  Einfluss.  Das  ist  nicht  blos  in  der
bildenden  Kunst  der  Fall,  sondern  auch  im  grossen  industriellen  und  im
wissenschaftlichen  Leben,  in  militärischen  wie  in  den  Kreisen  der  vornehmen ­
  Gesellschaft.  Wien  und  Oesterreich  würde  geistig  das  nicht  geworden ­
  sein  was  es  ist,  wenn  nicht  seit  jeher  hervorragende  Künstler  oder
hervorragende  Gelehrte  verschiedener  Nationen  Wien  geistig  befruchtet  hätten. ­
  Das  geistige  Leben  Wiens  darf  nicht  auf  einen  partikularistischen  oder
nationalen  Isolirschemel  gestellt  werden,  wie  es  in  Pest,  Agram  oder
Krakau  geschieht.  Es  ist  im  höchsten  Grade  bedauerlich,  wenn  bei  Künstlern ­
  und  bei  Gelehrten,  welche  ihren  bleibenden  Aufenthalt  in  Oesterreich
nehmen  —  darauf  ist  das  Hauptgewicht  zu  legen  —immer  von  Ausländern
gesprochen  wird.  Sind  Prinz  Eugen,  Loudon  und  Schönhals  nicht  als  gute
Oesterreicher  zu  betrachten?  Dürfen  wir  uns  etwa  schämen,  dass  ein  Swieten,
Peter  Frank,  oder  Boer,  ein  Füger,  Peter  Krafft,  oder  Fritz  L’Allemand
ihren  bleibenden  Aufenthalt  in  Oesterreich,  in  Wien  genommen  haben?
Sind  die  deutschen  und  niederländischen  Adelsgeschlechter,  die  in  Oesterreich ­
  ihren  stabilen  Wohnsitz  genommen  haben,  nicht  Träger  des  Österreichischen ­
  Staatsgedankens  geworden?  —  Oesterreich  ist  einmal  ein  continentaler
  Binnenstaat,  der  naturgemäss  stammverwandte  Elemente  aus  den
Nachbarländern  in  sich  aufnehmen  muss,  wenn  er  nicht  zu  Grunde  gehen
will.  Sorgen  wir  nur  dafür,  dass  diese  Elemente,  die  Oesterreich  befruchten, ­
  tüchtige  sind;  nur  vor  mittelmässigen  Kräften  möge  uns  der  Himmel ­
  bewahren;  denn  nur  die  bare  Mittelmässigkeit  ist  ein  Hinderniss
der  Kunst.
            
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