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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

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Dass  die  Anlässe  zur  Bestellung  selbstständiger  Bildhauerwerke  sich
in  Oesterreich  vermehren  und  dass  die  Zahl  selbstständiger  und  vorzüglicher ­
  Bildhauerwerke  sich  steigere,  das  ist  dasjenige,  worauf  man  alle
Aufmerksamkeit  verwenden  muss.  Denn  die  Bildhauerei  schrumpft  von
selbst  zusammen,  wenn  die  Anlässe  zu  Kunstwerken  sich  vermindern,  wenn
den  Auftraggebern  das  Bestimmungsrecht  und  die  Wahl  des  Künstlers
verkümmert  wird,  und  wenn  insbesondere  bei  den  grossen  öffentlichen  Bauten ­
  das  architektonische  Moment  einseitig  betont  wird  und  das  selbstständige ­
  Bildhauerwerk  daselbst  nicht  zur  rechten  Geltung  kommen  kann.
Diesen  Anforderungen  zu  genügen  ist  jetzt  reicher  Anlass  bei  dem  Baue
des  Parlamentshauses,  der  Hofmuseen,  des  Hofburgtheaters  und  des  Stadthauses. ­
  Nicht  bald  wird  wieder  ein  so  günstiger  Moment  eintreten,  die
figurale  Plastik  zur  Geltung  zu  bringen.  Ein  Kunstzweig  wie  die  Bildhauerei, ­
  für  welche  auch  der  gebildete  Theil  des  Publicums  relativ  ein
geringes  Verständniss  hat,  kann  nur  gehoben  werden,  wenn  das  Interesse ­
  für  das  Kunstwerk  selbst  wachgerufen  wird.  So  lange  es  dem
Publicum  gleichgiltig  ist,  ob  die  Statue  von  dem  A  oder  B  gemacht
wird,  so  lang  werden  äussere  Massregeln  die  Bildhauerei  nicht  heben.
Das  betheiligte  Publicum  muss  der  Künstler  und  das  Kunstwerk  gleichmässig
  interessiren.  Die  äusseren  Verhältnisse  haben  sich  wesentlich
zu  Gunsten  der  Bildhauerei  gewendet,  an  der  Akademie  der  bildenden
Künste  ist  die  Bildhauerei  wieder  ein  Hauptfach  geworden,  das  nicht  in’s
Schlepptau  der  Malerei  oder  Architektur  genommen  wird.  Es  ist  auch
durch  die  Wahl  des  Rectors  die  Möglichkeit  gegeben,  dass  die  Leitung
der  Akademie  zeitweilig  in  die  Hände  eines  Bildhauers  kq^nrnt,  die  Professoren ­
  der  Akademie  haben  ihre  selbstständigen  Ateliers,  und  es  wird  nicht
ein  Jahr  vergehen,  so  wird  ein  wohlorganisirtes  Museum  von  Gypsabgüssen
  zum  Studium  für  Künstler  und  für  Kunstfreunde  geöffnet  sein,  wie
es  nirgendwo  in  Oesterreich  besteht.  An  der  Universität  werden  die  humanistischen ­
  Studien  und  die  classische  Archäologie  und  Kunstgeschichte
im  ausgedehnten  Masse  betrieben,  und  es  wird  langsam  sozusagen  die  geistige ­
  Atmosphäre  geschaffen,  welche  zum  Gedeihen  der  Plastik  unerlässlich
ist.  Die  humanistischen  Studien,  die  vor  dem  Jahre  1848  nur  dem  Namen
nach  gepflegt  wurden,  bilden  gegenwärtig  einen  integrirenden  1  heil  der
Universitätsstudien,  und  es  wird  hoffentlich  auch  die  jüngere  Bildhauei  generation
  es  nicht  versäumen,  ihren  Geist  mit  Aufnahme  der  Anschauungen
des  classischen  Alterthums  zu  nähren.  Es  ist  unter  der  Bildhauergeneration ­
  wieder  der  Ehrgeiz  wachgerufen  worden,  sich  als  Träger  einer
selbstständigen  Kunst  zu  fühlen,  und  auch  das  Publicum  beginnt  Über  die
Bedeutung  der  Plastik  nachzudenken,  und  wendet  sich,  wenn  auch  langsam,
doch  sicher  dem  Kunstzweige  zu,  der  lange  vernachlässigt  und  gering  geschätzt ­
  wurde.  Aber  alle  die  äusseren  Verhältnisse  würden  gar  nichts
nützen,  wenn  die  Hauptsache  fehlte,  das  Kunstwerk,  für  das  man  sich  interessirt
  und  innerlich  erwärmt.  Die  Gesellschaft,  der  Staat,  der  Hof,  sie

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