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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

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Uie  Plastik  ist  jener  Zweig  der  bildenden  Kunst,  für  welchen  das
deutsche  Publicum  am  wenigsten  praktisches  Verständnis  hat.  Ueberall
in  Oesterreich  und  in  Deutschland  haben  daher  die  Bildhauer  mit  Hemmnissen ­
  mannigfaltiger  Art  zu  kämpfen.  Zu  diesen  ererbten  deutschen
Uebelständen  kommen  noch  einige  specifisch  wienerische,  um  nicht  zu
sagen  österreichische,  hinzu.  Aber  da  trotzdem  in  Wien  sich  gegenwärtig
ein  lebendigeres  Interesse  für  diesen  Zweig  der  bildenden  Kunst  zeigt,
was  wir  gerne  als  eine  Wendung  zum  Besseren  begrüssen  wollen,  so  ist
es  vielleicht  gerechtfertigt,  die  Plastik  Wiens,  die  als  ein  selbstständiges
Glied  der  deutschen  Plastik  zu  betrachten  ist,  etwas  eingehender  zu  behandeln. ­

Wer  die  Plastik  Wiens  in  der  Gegenwart  beurtheilen  will,  muss
seinen  Blick  auf  die  Zustände  dieser  Kunst  im  Anfang  dieses  Jahrhunderts ­
  lenken.  Auch  hier  ist  die  Vergangenheit  der  Schlüssel  zum  Verständniss ­
  der  Gegenwart.
Die  Zeit  der  Barockkunst  weist  zahlreiche  Kunstwerke  und  Künstler
auf.  Das  war  die  Zeit,  wo  prunkvolle  Paläste,  Kirchen  und  Abteien,
Gartenanlagen  in  grossem  Style  geschaffen  wurden.  Bildhauer  hatten
vollauf  Beschäftigung.  Die  Stadien  der  Entwicklung  bezeichnen  die  Mariensäule ­
  am  Hof  nach  dem  Entwürfe  des  Hofarchitekten  und  Theatermalers ­
  Ludwig  Burnaccini  (i652—1690),  in  Erz  gegossen  im  Jahre  1668
von  Balthasar  Herold  (geb.  zu  Nürnberg  1625,  gest.  in  Wien  1683)  j  die
Dreifaltigkeitssäule  am  Graben  (1686—1693)  desselben  Burnaccini  mit  den
höchst  charakteristischen  Marmorfiguren  und  Reliefs  von  den  Tirolern
Paul  von  Strudel,  Fruhwirth  und  Rauchmiller.  Ihnen  folgen  Corrodini’s
Brunnen  auf  dem  Hohenmarkt  (1729—1733,  ausgeführt  nach  den  Plänen
von  Fischer  von  Erlach);  Lorenz  Mathielli’s  Steinfiguren  an  der  Reichskanzlei, ­
  der  Karlskirche  und  Michaelerkirche;  Rafael  Donner’s  Brunnen
am  Mehlmarkt  (1738—t  73g),  ohne  Frage  das  bedeutendste  Werk  der
Barockzeit  Wiens;  Schletterer’s  und  Mader’s  Reliefs  an  den  Säulen  der
Karlskirche  und  die  zahlreichen  statuarischen  und  Decorationsarbeiten  von
dem  Baier  Hagenauer  (geb.  zu  Strass  1732,  gest.  in  Wien  1810)  und  von
Bayer  (geb.  zu  Gotha  1729,  gest.  in  Hietzing  1797)  im  Schönbrunner
Park,  um  mit  diesen  wenigen  Werken  nur  einige  Stufen  und  Höhepunkte
der  Barockkunst  zu  bezeichnen.  Auch  die  Medailleurkunst  jener  Zeit
weist  eminente  Künstler  auf.  Eine  als  Mensch  und  Künstler  gleich
originelle  Erscheinung  war  F.  X.  Messerschmidt,  ein  Baier  von  Geburt

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