Die Marmorbrüche im Laaser Thale und die dortige Fachschule
für Marmorindustrie.
(Auszug aus einem Berichte der Herren Oberbaurath Ritter v. Ferstel und Professor
Zumbusch an den Artistischen Aufsichtsrath der vom k. k. Handelsministerium subventionirten
Fachschulen.)
Die Fachschule in Laas hat die Aufgabe, tüchtige Hilfsarbeiter für die Ausführung
von Marmorwerken heranzubilden, also vorzüglich Punktirer und Bildhauer für ornamentale
Arbeiten. Die Organisirung dieser Schule entspricht ganz diesem Zwecke. Ihr Leiter,
Herr J. Steinhäuser, ist ein von Jugend auf in römischer Marmortechnik geschulter,
tüchtiger Bildhauer, in dessen eigenstem Interesse es liegt, brauchbare Marmorarbeiter
heranzuziehen. Das Punktiren wird nach der besten Methode gelehrt. Die Schüler haben
zudem Gelegenheit, neben tüchtigen römischen Bildhauern zu arbeiten, welche für Herrn
Steinhäuser Kolossalstatuen nach eingesandten Modellen in Marmor ausführen. Die Zahl
dieser Schüler beträgt jetzt 13, von denen einige schon recht leistungsfähig sind Einzelne
punktiren recht geschickt, andere arbeiten architektonische Ornamente, aber auch die Geringsten
unter ihnen werden mit 5o kr. täglich entlohnt. ...
Nachdem die Laaser Fachschule und ihre Entwicklung ausschliesslich durch die in
Laas und Umgegend betriebene Marmorindustrie bedingt ist und mit Hebung der letztem
sich die Schule gewissermassen von selbst ergibt, so dürfte sich das Augenmerk des
hohen k. k. Handelsministeriums in erster Linie der gedachten Industrie zuwenden, welche
nach allen vorhandenen Bedingungen wohl zu einem "weit höheren Aufschwünge geeignet
sein dürfte. Die Gebirge von Laas und Schlanders enthalten reichliches und vorzügliches
Marmormaterial, das schon seit Jahrhunderten bekannt ist, ohne dass die Brüche ordentlich
ausgebeutet worden wären. Auf den Friedhöfen im Vintschgau — von Meran aufwärts
— findet man zahlreiche, bis in’s 14. Jahrhundert zurückreichende Grabmonumente
und Epitaphien; an der Kirche in Schlanders sind Portal und Thurmmasswerk, und an
zahlreichen vornehmeren Häusern in dieser Gegend Madonnen und andere Reliefs sowie
Wappen aus diesem Materiale. Aus dem heutigen Bestand dieser nach Jahrhunderten
zählenden Objecte lässt sich die vortreffliche Qualität und Wetterbeständigkeit beurtheilen.
Nirgend finden sich Anzeichen von Verwitterung. Die fein behandelten Körpertheile an
den Figuren sind vollkommen glatt und glänzend, an den Architekturtheilen kann man
die Meisseischläge erkennen. Dabei hat sich die Farbe hell-elfenbeinartig bis zu einem
tiefen Gelb erhalten; beinahe nirgend sieht man die grauen und schwarzen Flecken,
welche insbesondere beim Carrara-Marmor Vorkommen. Nach seiner Structur und auch
in seiner Dauerhaftigkeit und der durch die Zeit hervorgebrachten Patina erinnert das
Materiale lebhaft an den griechischen Marmor, dem es auch jedenfalls viel näher steht,
als dem von Carrara. , . , „ .. .
Bei näherer Untersuchung des aus den verschiedenen Brüchen genommenen Materials
ergibt sich auch der Unterschied verschiedener Marmorsorten , trotz Gleichartigkeit
des Grundstoffes. Es gibt Marmorsorten von zarterem Korn und etwas geringerer
Härte, die sich für feine Durchbildung von Körper- und Gewandthellen vorzüglich eignen,
obgleich sie nicht so weich wie der statuarische Marmor von Carrara sind; Sorten von
gröberem Gefüge für mehr decorative Zvvecke, und endlich Sorten, welche in niedrigen
Schichten (Platten) brechen und für architektonische Zwecke wie geschaffen sind.
Bei dem Umstande, dass keiner dieser Brüche je regelmässig betrieben wurde,
war eine Sonderung des Materials für die verschiedenartigen Zwecke nie möglich, sondern
es wurde für den jeweiligen Bedarf eben dasjenige Material, welches am leichtesten
zu beschaffen war, genommen, und wegen Gewinnung grösserer Blöcke wurden die