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Full text : Die Plastik Wien´s in diesem Jahrhundert : Vorlesung gehalten im österr. Museum am 31. October 1876

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dass  sich  der  Künstler  an  gute  Vorbilder  und  an  bewährte  Traditionen
gehalten  hat.  Das  Erfinden  im  grossen  Style  ist  eben  nicht  Jedermanns
Sache;  nur  wenigen  Bildhauern  der  christlichen  Aera  ist  ein  grosses
Mass  der  Erfindung  zugefallen;  hingegen  gibt  es  viele  sehr  achtbare
Künstler,  welche  es  verstanden  haben,  die  Regeln  der  Kunst  mit  Verständniss
  aufzufassen  und  mit  Tüchtigkeit  durchzuführen.  Das  ist  bei  dem
Josefs-Monumente  geschehen  und  das  sichert  auch  demselben  für  alle  Zeit
eine  beachtenswerthe  Stellung,  abgesehen  davon,  dass  es  im  Detail  sorgfältig ­
  durchgeführt,  sich  auch  als  Erzguss  in  seiner  schönen  Patinirung
bewährt  hat.  Das  Werk  ist  in  Wien  gegossen  und  in  dem  akademischen
Atelier  modellirt  worden,  welches  lange  Zeit  unter  dem  Namen  des  Zaunerischen
  Ateliers  bekannt  war,  später  als  Depot  und  als  Gypsgiesserei
benutzt  und  schliesslich  dem  Maler  Professor  Karl  Blaas  übergeben  wurde.
In  der  nächsten  Zeit  dürfte  es  für  die  Zwecke  der  Lehrerbildungsanstalt
bei  St.  Anna  verwendet  werden.  Mehr  als  es  Worte  aussprechen  können,
wirft  diese  Thatsache  Licht  auf  die  künstlerischen  Zustände  der  ersten
Jahrzehnte  dieses  Jahrhunderts.  Der  Meister  des  Josefs-Monumentes  hatte
eben  nicht  Aufträge  genug  für  künstlerische  Beschäftigung,  zu  wenig  für
eine  Erzgiesserei,  nicht  hinreichend,  um  in  seinem  Atelier  Schüler  heranzubilden. ­
  Er  war  eben  ein  Glied  jener  Beamtenhierarchie  geworden,  welche
die  Aufgabe  eines  akademischen  Professors  für  abgeschlossen  betrachtete,
wenn  der  schulmassige  Unterricht  regelmässig  ertheilt  wird;  auf  die  künstlerische ­
  Production  und  die  Anregung  zu  derselben  wurde  nicht  der  Schwerpunkt ­
  gelegt.  Zauner  hat  auch  Porträtbüsten  entworfen,  akademisch  kühl,
richtig  in  der  äusseren  Form,  aber  ohne  inneres  Leben.
Gleichzeitig  mit  Zauner  und  nach  ihm  wirkten  als  Bildhauer  an  der
Akademie:  Martin  Fischer,  ein  Schwabe  von  Geburt,  trefflicher  Anatom,
Leop.  Kiesling,  J.  Klieber,  Schaller,  Josef  Kaessmann  und  Bongiovanni,
alle  sechs  ausschliesslich  in  der  Richtung  der  Antike,  unberührt  vom
Hauche  der  Romantik  und  des  Realismus,  Richtungen,  welche  sehr  spät
erst  auf  das  akademische  Bildhaüerleben  in  Wien  einwirkten.  Später  machte
sich  im  akademischen  Künstlerleben  Bauer  bemerkbar,  leise  berührt  von  den
Strömungen  der  deutschen  Romantik.  Nicht  wenige  von  diesen  Lehrern
lebten  lange  Zeit;  M.  Fischer  erreichte  das  80.  Lebensjahr,  Klieber  wurde
77,  Kaessmann  72  Jahre  alt.
Mehrere  von  diesen  Bildhauern  erfreuten  sich  auch  einer  Förderung
durch  die  vornehme  Welt,  die  damals  noch  einen  persönlichen  Antheil  an
Künstlern  nahm.  Klieber  speciell  wurde  durch  Erzherzog  Karl  und  den
Fürsten  Liechtenstein,  Leopold  Kiesling  durch  den  Grafen  Kobenzl  protegirt.
  Niemand  wird  den  genannten  Künstlern  Tüchtigkeit  und  Schulung
absprechen;  besonders  Klieber  war  ein  eminenter  Techniker,  der  es  verstand, ­
  Figuren  frei  aus  dem  Steine,  ohne  auf  das  Punktiren  angewiesen  zu
sein,  herauszuarbeiten.  Keiner  von  ihnen  aber  hatte  eine  höhere  schöpferische
Begabung,  keiner  die  Kraft  eine  Schule  zu  bilden.  Ihre  Werke  gingen
            
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