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Full text : Der Gösser Ornat im k. k. österr. Museum für Kunst und Industrie

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dieselben  Motive,  die  in  dem  linken  unteren  Teile  unserer  Kasel  miteinander
abwechseln*.  Sehr  bemerkenswert  ist  die  Halberstädter  Arbeit  noch  dadurch,
daß  über  dem  wagrechten  und  links  neben  dem  senkrechten  Stickereistreifen
(in  der  Reproduktion  allerdings  kaum  mehr  kenntlich)  ganz  schmale  gewirkte
Borten  aus  Gold  und  bunter  Seide  laufen,  auf  denen  wieder  genau  dieselben
Ornamente  zu  sehen  sind,  so  daß  man  annehmen  kann,  daß  hier  die  offenbar
aus  dem  Süden  eingeführten  Borten  das  unmittelbare  Vorbild  der  Stickerei
geboten  haben.
Da  wir  durch  die  Rekonstruktion  der  Kasel  die  Rätsel,  die  uns  die  andern ­
  Stücke  bieten,  zum  großen  Teile  schon  gelöst  haben,  können  wir  bei  der
Betrachtung  dieser  andern  Teile  rascher  Vorgehen.  Die  Abbildung  auf  Seite  31
bietet  uns  zunächst  die  Rückseite  der  Dalmatika,  des  Diakonengewands,
in  hängendem,  die  Abbildung  auf  Seite  33  in  gespanntem  Zustande,  die  Abbildung ­
  auf  Seite  35  die  Vorderseite.  Es  ist  zunächst  wieder  ganz  klar,  daß
sich  die  Dalmatika  nicht  im  ursprünglichen  Zustande  befinden  kann,  da
von  der  Hauptdarstellung  der  Vorderseite  oben  ein  großer  Teil  fehlt.'  Die
Dalmatika  muß  länger,  und  zwar  nach  oben  und  nach  unten  hin  ausgedehnter
gewesen  sein;  dagegen  ist  die  Breitenausdehnung,  wenn  man  vom  untersten
Teile  absieht,  so  ziemlich  gesichert,  da  die  keilförmigen  Stücke  zur  Seite
in  der  Hauptsache  offenbar  in  ursprünglicher  Weise  an  die  Mittelteile  ansetzen. ­
  Man  sieht  dies  zum  Beispiele  schon  bei  den  unvollständigen  Quadraten
der  Vorderseite,  wo  rechts  der  Vogel  und  links  das  baumartige  Gebilde  auf
die  unregelmäßige  Form  Rücksicht  nehmen.  Nur  wo  die  keilförmigen  Teile
der  Vorder-  und  Rückseite  aneinandersetzen,  sind  nicht  mehr  die  ursprünglichen ­
  Enden  der  Stickerei  erhalten.
Unbedingt  nicht  im  ursprünglichen  Zustande  sind  jedoch  die  oberen
Teile  der  Vorderseite  und  die  Ärmel**.
Der  eine  Ärmel  scheint,  nach  der  verschiedenen  Stellung  der  dargestellten ­
  Tiere,  allerdings  von  Anfang  an  ein  Ärmel  gewesen  zu  sein;  die  andern
Teile  gehören  aber  bis  auf  kleine  Stücke  (mit  den  Kreisen),  die  von  der  noch
*  Zu  vergleichen  wären  auch  die  Ornamente  des  Dorsales  von  Drübeck,  das  aber  weit  jünger  ist  als
unser  Ornat  [„Bau-  und  Kunstdenkmäler  der  Provinz  Sachsen“,  VII.  Heft  (Grafschaft  Wernigerode),  Seite  39]
und  die  Stola  des  heiligen  Edmund  im  Schatze  von  Sens  [De  Farcy,  am  angeführten  Orte,  Tafel  13]  sowie
die  Gewandmusterungen  auf  der  Cappa  von  Hildesheim  im  South-Kensington-Museum  (ebenda  Tafel  20).
**  In  dem  verdienstvollen  Werke  Josef  Brauns  „Die  Liturgische  Gewandung“  (Freiburg  i.  B.  1907,
Seite  272)  ist  die  Rückseite  unserer  Dalmatika  abgebildet  und  dabei  (auf  Seite  273)  folgende  Bemerkung
gemacht:  „Die  einzige  mit  Bildwerk  bestickte  Dalmatika  aus  dem  XIII.  Jahrhundert,  welche  im  wesentlichen
wohlerhalten  auf  die  Gegenwart  gekommen  ist,  befindet  sich  zu  Göß  in  Steiermark  ...  Die  Veränderungen,  die
mit  ihr  vorgegangen  sind,  bestehen  in  der  Hauptsache  bloß  in  einer  Verkürzung  ihrer  Länge  und  in  einer  Vergrößerung ­
  des  Halsausschnitts  .  .  .  Ein  Kunstwerk  und  schön  kann  die  Dalmatika  nicht  gerade  genannt  werden,
dafür  ist  die  Arbeit  zu  derb,  das  Arrangement  zu  unruhig  und  die  Farbengebung  zu  bunt,  aber  sie  ist  interessant
und  kunstgeschichtlich  unzweifelhaft  aller  Beachtung  wert.“  Hierzu  muß  nun  bemerkt  werden,  daß  die  Bemerkung ­
  über  das  „unruhige  Arrangement“  in  dem  Augenblicke  nicht  mehr  zutrifft,  wo  festgestellt  ist,  daß  gerade
die  von  Braun  abgebildete  und  offenbar  hauptsächlich  in  Betracht  gekommene  Seite  sich  in  ihrem  ganzen  oberen
Teile  durchaus  nicht  im  ursprünglichen  Zustande  befindet,  sondern  ganz  willkürlich  eingesetzte  Stücke  der  Kasel
enthält.  'Wenn  man  unter  Buntheit  der  Farbe  Unruhe  versteht,  so  trifft  dies  soweit  zu,  als  gerade  an  diesem
Stücke  größere  Beschädigungen  stattgefunden  haben  und  die  Farben  sich  daher  nicht  mehr  wie  ursprünglich
das  Gleichgewicht  halten.  In  gewissem  Sinne  derb  sind  die  Formen;  aber  derb  (und  herb)  ist  noch  nicht  unschön ­
  oder  unkünstlerisch.
            
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