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Full text : Der Gösser Ornat im k. k. österr. Museum für Kunst und Industrie

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also  wieder  einen  auffallenden  Gegensatz,  hier  nicht  zwischen  rechts  und
links,  aber  zwischen  vorne  und  rückwärts  zu  bemerken.  Auch  sehen  wir  nun,
daß  kein  Stück  des  Ornats  dem  andern  gleich  ist;  selbst  die  Tierornamente
in  den  Quadraten,  die  sich  an  der  Kasel  und  an  der  Dalmatika  finden,  sind
wenigstens  in  der  Größe  verschieden  und  verschieden  durch  ihre  Stellung
innerhalb  der  Gesamtanordnung  des  Gewandes  (einmal  rechts,  einmal  links).
Jedenfalls  gehören  die  fünf  Stücke  aber  trotzdem  zusammen,  da  sie  im
ganzen  Stile,  in  der  Technik  und  im  Materiale  durchaus  zusammenpassen;  wir
haben  auch  gesehen,  daß  sich  die  auf  die  Äbtissin  Kunegunde  bezüglichen
Inschriften  auf  verschiedene  Stücke  verteilen.  Wir  sehen  aber  auch,  daß
kein  einziges  zur  Ausbesserung  verwendetes  Stück  ursprünglich  etwa  einem
weiteren  Ornatteile  angehört  hat,  so  daß  wir  weder  mehr  noch  weniger  als
fünf  Stücke  anzunehmen  haben  *.J
Jedenfalls  ist  der  Ornat,  wenn  auch  Stola,  Manipel  und  andere  Teile
fehlen,  geradezu  ein  Unikum  in  der  Welt.  Es  gibt  aus  so  früher  Zeit  wohl  viele
Kasein,  Dalmatiken,  Antependien  und  andre  kirchliche  Stücke,  gewiß  auch
viele  von  höherem  Kunst-,  historischem  oder  Materialwerte;  aber  es  gibt  sonst
kaum  fünf  zusammengehörige,  die  Hauptteile  eines  zusammenhängenden
Ornats  bildende  Stücke  aus  so  früher  Zeit.  Darin  beruht  einer  der  großen
Werte  dieser  Stickereien**.
Aber  auch  in  anderer  Beziehung  ist  der  Ornat  von  höchster  Bedeutung.
Er  ist  auch  rein  künstlerisch  betrachtet  ungemein  wichtig.  Denn  es  gibt  nur
ganz  wenige  Stickereien  aus  romanischer  Zeit,  die  uns  die  Farbenpracht  der
Keilstücke,  die  ursprünglichen  Enden  der  Stickerei.  Bei  den  Keilstücken  ist  das,  wie  gesagt,  auch  an  der
Dalmatika  der  Fall.  An  der  Tunicella  sind  unter  dem  heutigen  groben  Leinenfutter  noch  Spuren  eines  roten  Seidenfutters ­
  zu  bemerken.
*  Ob  bei  der  Auflösung  des  Klosters  noch  andere  Teile  des  Ornats,  wie  Alba,  Stola,  Manipel,  Kelchdecke ­
  vorhanden  waren,  ist  ungewiß;  Bock  sagt  zwar  etwas  unklar:  (Mitteilungen  der  k.  k.  Zentralkommission
1858,  Seite  94)  „Zu  dem  oben  beschriebenen  (eben  dem  Gößer)  Meßornat  haben  sich  auch  noch  einige  Stolen
erhalten,  die  ebenfalls  in  kompositorischer  und  technischer  Beziehung  für  das  Studium  der  älteren  liturgischen
Gewänder  nicht  ohne  Interesse  sein  dürften.  Gestickte  Caporaltäschchen,  Kelchbedeckung  und  das  entsprechend
ornamentierte  Kelchtuch  finden  sich  heute  bei  dem  gedachten  Gößer  Meßornat  nicht  mehr  vor.  Desgleichen
auch  nicht  mehr  die  Alben  .  .  .  “  Man  könnte  hiernach  also  annehmen,  daß  Bock  noch  zugehörige  Stolen  gekannt ­
  habe;  von  dem  Verfasser  wurden  sie  aber  nicht  gesehen,  und  dem  jetzigen  hochwürdigen  Herrn  Pfarrer
Färber,  aus  dessen  Händen  die  Stücke  übernommen  wurden,  waren  zugehörige  Stolen  und  so  weiter  völlig
unbekannt,  so  daß  bei  Bock  wohl  eine  ungenaue  Angabe  oder  ein  Irrtum  vorauszusetzen  ist.  Bock  meinte  vermutlich ­
  die  von  Pfarrer  Finster  in  dem  oben  (Seite  2)  erwähnten  Berichte  abgebildeten  Stolen,  die  auch
Rohault  de  Fleury  in  seinem  Werke  „La  Messe“  auf  Tafel  DCXVII  wiedergibt  und  im  VII.  Bande,  Seite  68,
(mit  irrtümlichen  Literaturangaben)  kurz  erwähnt.  —  Den  Teil  einer  unserem  Ornate  nahverwandten  Stola  oder
Manipel  besitzt  das  k.  k.  Österreichische  Museum  (Textilnummer  1009).  Ein  35  Zentimeter  langer  und  ungefähr
6  Zentimeter  breiter  Leinenstreifen  ist  vollständig  mit  Rauten  und  geometrischer  Musterung  darin  in  bunter
Seidenstickerei  bedeckt.  Unten  setzt  ein  trapezförmiges  Stück  (mit  Darstellung  einer  Madonna  in  bunter  Seide
und  ganz  wenigem  Golde)  an  und  daran  hängen  fünf  dicke  Seidenfiocken  von  verschiedenen  Farben.  Obgleich
dieses  Stück  nicht  zu  unserem  Ornate  gehört,  so  kann  es  doch  zeigen,  daß  auch  dessen  kleinere  Teile  ganz
gestickt  gewesen  sein  können.  Nebenbei  bemerkt,  besitzt  das  Museum  (unter  Textilnummer  762)  auch  eine
6 1  2  Zentimeter  breite  Seidenborte,  die  dem  auf  Seite  11  unten  abgebildeten  Stücke  fast  völlig  gleicht.
**  Durch  die  Güte  des  Herrn  Dr.  Ulrich  Schmid  erfahre  ich,  daß  der  rühmlichst  bekannte  Stiftsbibliothekar
Dr.  Adolf  Fäh  zu  St.  Gallen  in  der  Schweiz  demnächst  in  der  „Walhalla“  (München)  über  einen  in  Spanien
aufgefundenen  vollständigen  Ornat,  anscheinend  deutscher  Herkunft,  berichten  wolle;  doch  stammt  auch  dieser
Ornat  nach  freundlichen  direkten  Mitteilungen  Dr.  Fähs  erst  aus  der  Mitte  des  XV.  Jahrhunderts.  Auch  andere
von  dem  Genannten  in  Spanien  aufgefundene,  sonst  sehr  bemerkenswerte,  Paramentenschätze  reichen  wohl
kaum  in  die  Zeit  unserer  Arbeiten  zurück.
            
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