MAK

Full text: Officieller Ausstellungs-Bericht - Die Universitäten (Gruppe XXVI, Section 5)

Die Univerfxtäten. 
9 
follte praktifche Pädagogik betrieben werden, indem die Zöglinge unter fich Schule 
fpielten und als Komödianten bald Schüler, bald Lehrer darftellten. Man mufs 
ftaunen, dafs ein Inftitut, welches durch feine militärifch ftraffe, die Befchäftigung 
jeder Stunde regulirende und controlirende Zucht die Bildung tüchtiger Charaktere, 
durch feine jede individuelle Studienrichtung hemmende, auf eine kleine für Schul 
zwecke präparirte Wiffensfumme gerichtete Studienordnung die Entwicklung eines 
felbftftändigen wiffenfchaftlichen Lebens unmöglich machen miifste, um von anderen 
Gebrechen abzufehen, gleichwohl in feinen Grundlagen bis in die neuefte Zeit 
herab dauern konnte und die Reflauration feinen Beftand kaum zu erfchüttern 
vermochte. Nachdem mit Decret vom 6. September 1822 die Ecole normale aufge 
hoben worden war, um provinziellen Lehrerbildungs-Anftalten (Ecoles normales 
partielles) und etwas fpäter der mit dem Collegium Louis le Grand verbundenen 
Ecole preparatoire Platz zu machen, war feine Reftitution eine der erften von all 
gemeinem Beifalle begleiteten Handlungen der Juliregierung. Guizot erneuerte mit 
dem Decret vom 18. Februar 1834 ^ as organifatorifche Statut von 1810 mit zweck- 
mäfsiger Verlängerung der Cursdauer von 2 auf 3 Jahre. Unter dem Minifterium 
Salvandy erhielt die Anftalt ihr fchönes Haus in der Nähe des Pantheon. Das 
republikanifche Minifterium Carnot erhöhte das Budget derfelben, deren Zöglinge 
die Zahl 115 erreichte, auf 232.000 Francs. Das zweite Kaiferreich, welches mit 
Dtcret vom 9. April 1852 feine Organifation befeftigte und verbefferte, fuchte die 
Beftimmung der Ecole normale fuperieur, Profefforen für Mittel- und Hochfchulen 
heianzubilden (a former des profeffeurs pour les diverfes parties de 1 enfeignement 
feondaire et fuperieure dans Puniverfite), in jeder Art zu fördern. 
Folgendes find die wefentlichen Punkte ihrer gegenwärtigen Einrichtung. 
An der Spitze fteht einDiretftor mit zwei Subredloren an derSeite, von denen der 
eine aufser den äufseren Angelegenheiten die realiftifchen , der andere die huma- 
niftfchen Studien zu infpiciren hat. Denn wie ehedem zerfällt auch jetzt die Schule 
in zvei Sektionen, eifie mathematifch-naturwiffenfchaftliche (fecftion des fciences) 
und sine philologifch-hiftorifche (fecftion des lettres). Lehrgegenftände der erften 
Sedfon find Mathematik mit zwei, Geographie, Mineralogie, Geologie, Botanik, 
Zoobgie, Phyfik, Mechanik, Aftronomie, Zeichnen mit je einem Docenten. Lehr- 
gegmftände der anderen Sedtion find : claffifche Philologie mit drei bis vier, 
Gefciichte, Philofophie, franzöfifche Sprache und Literatur mit je zwei Docenten. 
Die Docenten (Maitres des Conferences), welche zumTheile der Sorbonne, zum Theile 
dem College de France und anderen höheren Schulen in Paris entnommen find, 
habei nicht förmliche Vorträge zu halten, fondern den genau abgemeffenen Lehr- 
ftoff an der Hand beftimmter Lehrbücher mitzutheilen und durch Repetitionen, 
Colloquien, Exercitien und Disputationen zum geiftigen Eigenthume der Zöglinge 
zu m.chen. 
Diejenigen, welche auf einen Platz in der Ecole refledtiren, müffen zunächft 
vor ein Prüfungscommiffionen der verfchiedenen Akademien (ich einer fchriftlichen 
Prüfmg unterziehen, welche für die Humaniften eine philofophifche Abhandlung, 
einenlateinifchen und franzöfifchen Auffatz , eine lateinifche und giiechifche Ueber- 
fetzuig, eine lateinifche Versübung und ein hiftorifches Thema; füi die Realiften 
gleicHalls eine philofophifche Abhandlung und lateinifche Ueberfetzung, daneben 
aber ine Reihe mathematifcher und phyfikalifcher Aufgaben umfafst. Auf Grund 
(liefe: Elaborate wird vom Minifterium die Lifte Jener gebildet, welche zu der im 
Augut an der Ecole normale zu beftehenden mündlichen Prüfung zugeiaffen 
werdn, doch müffen diefelben noch ein Diplom als Bacheliers ds lettres oder ds 
feienes beibringen. Die Candidaten der humaniftifchen SedUon müffen bei der 
mündichen Prüfung Stücke aus jenen Claffikern interpretiren und commentiren, 
welcle in den beiden letzten Claffen des Lyceums gelefen wurden; die der realifti- 
fchenSedtion werden aus jenen Partien der Mathematik examinirt, welche fie in 
dem aathematifchen Specialcurs desLyceums abfolvirt; ferner wird ihre Fertigkeit 
in decriptiver Geometrie und Freihandzeichnen geprüft. Die Zahl der Zöglinge
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.