80
Vielleicht befremdet uns aber, wenn wir diese scheinbare Verwirrung
ins Auge fassen, die Zuweisung eines anderen, viel umstrittenen Werkes
weniger, wir meinen, des ungarischen Krönungsmantels, der heute in der
Ofner Hofburg verwahrt wird* (Tafel 63).
Leider hat dieses Prachtstück, besonders durch seine Entführung
während des ungarischen Aufstandes im Jahre 1848/49, außerordentlich
gelitten. 3 Auch fehlen heute einige Teile an der, jetzt geradlinigen, Kante
des, ursprünglich geschlossenen, Mantels. Er war nämlich, wie Bock wahr
scheinlich macht, gelegentlich der Krönung Maria Theresias auseinander
geschnitten worden, da er sonst nicht über dem damals üblichen weiten
Reifrock zu tragen gewesen wäre; bei dieser Umgestaltung scheint ein
Stück unter dem Armloche, das vermutlich auch am meisten gelitten hatte,
abgetrennt worden zu sein und ging dann verloren. Die ursprüngliche Form
war die einer alten, glockenförmigen Kasel, die nur eine Öffnung für den
Hals und bisweilen auf der Brust einen Schlitz für die Hände hatte; so
auch hier. Der Mantel diente übrigens ursprünglich offenbar kirchlichen
Zwecken und wurde erst später — jedenfalls seit dem 14. Jahrhunderte —
für die Krönungen der ungarischen Könige verwendet.
Über die Entstehungszeit gibt die über den Thronen der Apostel im
Halbkreis hinlaufende Inschrift genaue Auskunft. Es heißt da:
,Casula hec operata et data \
,Diese Kasel ist gearbeitet and
ecclesiac sanctae Mariae sitae in der Marienkirche in Stuhlweißenburg
civitate alba anno incarnationis \ gegeben im Jahre des Herrn 1031 in
XPI MXXX1 indiccione XIIII,
stephano rege et gisla regina.“
a' der 14. Indiction vom Könige Stephan
\ und der Königin Gisla.“
Die Entstehungszeit steht also fest; nicht genannt aber ist das Ent
stehungsland der Arbeit. Bock faßt die Inschrift ganz wörtlich auf und
nimmt an, daß die Stickerei von der Königin selbst und ihrer Umgebung
i Bock a. a. O., Seite 84 ff., Tafel 17; Eugen von Radisics, „Chefs-d’oeuvre d’art de
la Hongrie“, Budapest 1897, Tafel 1/1; Bela Czobor in dem Werke „Die historischen Denk
mäler Ungarns in der Milleniums-Landesausstellung (1896)“, Budapest und Wien s. a.
S. 51 ff.
= Vgl. Bock, „Liturgische Gewänder“, I., Seite 159 und 162, wo auch das gemalte Gegen
stück auf Seidengaze aus Martinsberg bei Raab besprochen wird. Vgl. auch F. X. Kraus,
„Geschichte der christlichen Kunst“, II/l, Seite 258, der das Stück in Raab „Pendant oder
Vorlage“ nennt. Nach Czobor, der a. a. O. auf Tafel VIII eine Darstellung dieser Gaze
malerei bringt, wäre sie nicht, wie Bock annimmt, Vorbild, sondern eine ungenaue und
unvollständige Kopie aus derZeit der später zu besprechenden Umgestaltung; was am Ori
ginale fehlt, fehlt auch in der Kopie. — Ich denke, daß man die durchsichtige Seidengaze
wählte, um das Werk direkt pausen zu können.