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Full text: Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises von der spätantiken Zeit bis zum Beginne des XIX. Jahrhundertes, mit Ausschluss der Volkskunst : Textband

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Vielleicht befremdet uns aber, wenn wir diese scheinbare Verwirrung 
ins Auge fassen, die Zuweisung eines anderen, viel umstrittenen Werkes 
weniger, wir meinen, des ungarischen Krönungsmantels, der heute in der 
Ofner Hofburg verwahrt wird* (Tafel 63). 
Leider hat dieses Prachtstück, besonders durch seine Entführung 
während des ungarischen Aufstandes im Jahre 1848/49, außerordentlich 
gelitten. 3 Auch fehlen heute einige Teile an der, jetzt geradlinigen, Kante 
des, ursprünglich geschlossenen, Mantels. Er war nämlich, wie Bock wahr 
scheinlich macht, gelegentlich der Krönung Maria Theresias auseinander 
geschnitten worden, da er sonst nicht über dem damals üblichen weiten 
Reifrock zu tragen gewesen wäre; bei dieser Umgestaltung scheint ein 
Stück unter dem Armloche, das vermutlich auch am meisten gelitten hatte, 
abgetrennt worden zu sein und ging dann verloren. Die ursprüngliche Form 
war die einer alten, glockenförmigen Kasel, die nur eine Öffnung für den 
Hals und bisweilen auf der Brust einen Schlitz für die Hände hatte; so 
auch hier. Der Mantel diente übrigens ursprünglich offenbar kirchlichen 
Zwecken und wurde erst später — jedenfalls seit dem 14. Jahrhunderte — 
für die Krönungen der ungarischen Könige verwendet. 
Über die Entstehungszeit gibt die über den Thronen der Apostel im 
Halbkreis hinlaufende Inschrift genaue Auskunft. Es heißt da: 
,Casula hec operata et data \ 
,Diese Kasel ist gearbeitet and 
ecclesiac sanctae Mariae sitae in der Marienkirche in Stuhlweißenburg 
civitate alba anno incarnationis \ gegeben im Jahre des Herrn 1031 in 
XPI MXXX1 indiccione XIIII, 
stephano rege et gisla regina.“ 
a' der 14. Indiction vom Könige Stephan 
\ und der Königin Gisla.“ 
Die Entstehungszeit steht also fest; nicht genannt aber ist das Ent 
stehungsland der Arbeit. Bock faßt die Inschrift ganz wörtlich auf und 
nimmt an, daß die Stickerei von der Königin selbst und ihrer Umgebung 
i Bock a. a. O., Seite 84 ff., Tafel 17; Eugen von Radisics, „Chefs-d’oeuvre d’art de 
la Hongrie“, Budapest 1897, Tafel 1/1; Bela Czobor in dem Werke „Die historischen Denk 
mäler Ungarns in der Milleniums-Landesausstellung (1896)“, Budapest und Wien s. a. 
S. 51 ff. 
= Vgl. Bock, „Liturgische Gewänder“, I., Seite 159 und 162, wo auch das gemalte Gegen 
stück auf Seidengaze aus Martinsberg bei Raab besprochen wird. Vgl. auch F. X. Kraus, 
„Geschichte der christlichen Kunst“, II/l, Seite 258, der das Stück in Raab „Pendant oder 
Vorlage“ nennt. Nach Czobor, der a. a. O. auf Tafel VIII eine Darstellung dieser Gaze 
malerei bringt, wäre sie nicht, wie Bock annimmt, Vorbild, sondern eine ungenaue und 
unvollständige Kopie aus derZeit der später zu besprechenden Umgestaltung; was am Ori 
ginale fehlt, fehlt auch in der Kopie. — Ich denke, daß man die durchsichtige Seidengaze 
wählte, um das Werk direkt pausen zu können.
	        
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