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Wandlungen der sarazenischen Kultur und Kunst nicht mehr unmittelbaren
Anteil nahm, sondern nur soviel als überhaupt das Abendland.
Naturgemäß lockerte sich auch der Zusammenhang mit dem äußer
sten Vorposten des Islam, der iberischen Halbinsel. Am selbständigsten
scheint aber das von einem ganz anderen Volksstamme bewohnte Persien
geworden zu sein.
Die größte äussere Wandlung der sarazenischen Welt war jedoch die
endgiltige Vernichtung des Kalifates und die Gründung des tatarischen
Weltreiches.
Wie immer, konnte die Zertrümmerung einer Weltmacht und die
Aufrichtung einer neuen nur deshalb erfolgen, weil die alte Macht schon in
sich zerfallen war. Und eine neue Kultur und Kunst kann immer nur dann
sich Eingang verschaffen, wenn die alte in Zersetzung begriffen oder selbst
schon auf das Neue hingerichtet ist.
Beides war in gewissem Sinne in den sarazenischen Landen der Fall,
als die neue tatarische Weltmacht den Osten und Westen Asiens zu vereinen
suchte; wenigstens die Zersetzung war vorhanden und eine außerordentliche
Steigerung des Lebensgenusses, die, wie gezeigt, in der Kunst bereits zu
einer gewissen Verfeinerung geführt hatte. Ob die sarazenische Welt zu einer
tiefer greifenden und dauernden Erneuerung befähigt war, mußte die kom
mende Zeit erweisen. Der äußere Anstoß war bedeutend genug.
Was die Christen in den Kreuzzügen nicht erreicht hatten, das schien
den Tataren nun zu gelingen: die Niederwerfung des Islam. 1258 wurde
das Kalifat von Bagdad vernichtet und Syrien erobert; an der Grenze
Ägyptens wendete sich allerdings das Kriegsglück, und Syrien ging wieder
an Ägypten verloren. An Stelle des großen Khanates, das von China bis nahe
an die Grenzen Deutschlands und Ägyptens reichte, traten nun Teilfürsten,
aber immer noch unter der Oberherrschaft der in China herrschenden Groß
khane. Insbesondere blieb auch Persien unter tatarischer Herrschaft und
dadurch in Verbindung mit Ostasien. 1
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Wir werden es also begreiflich finden, wenn sich jetzt in erhöhtem
Maße chinesische Einflüsse in der Kunst des Orients geltend machen.
Vorhanden waren sie ja schon immer bis zu einem gewissen Grade (siehe
Seite 40); auch mögen sie in der letzten Zeit des Kalifates, als der Auf-
i Nebenbei sei bemerkt, daß die Christen des Westens gerade erst unter tatarischer
Herrschaft in das Innere Asiens vorzudringen wagten; denn die Tataren waren in ihrem
Streben, den Islam niederzuwerfen, den Christen lange Zeit sehr günstig gesinnt. Heyd
a. a. O. II., Seite 68 ff.