171
Der rastlose Verkehr mit dem Oriente, der in mancher Beziehung
zwar bereits zu einem bloßen Ausbeutungsgebiete der italienischen Handels
staaten herabgesunken war, aber doch noch ererbten Reichtum und
ererbte Eigenart besaß, dieser rastlose Verkehr mag auch ununterbrochen
aufstachelnd auf die venezianische Industrie gewirkt haben.
Doch dürfen wir natürlich keineswegs alle italienischen Granatapfel
muster Venedig zuschreiben; es ist selbstverständlich, daß alle Orte im
Geschmacke der Zeit arbeiteten, sowie wir später alle in der Renaissance-
und Barockrichtung tätig sehen. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß
noch lange Zeit neben den Pinien- oder Granatapfelmustern die älteren ver
streuten Tier- und Pflanzenornamente, sowie andere Muster üblich waren,
die wenigstens Nachwirkung des Typus zeigen (man vergleiche Tafel 160
und 161); besonders im Norden finden wir sie, allerdings fast nur in Streifen
anordnung, noch weit bis in das 16. Jahrhundert hinein, in Verwendung.
Und so mögen einzelne Orte; besonders Lucca, in einseitiger Weise
gerade die älteren Stoffe hauptsächlich weiter erzeugt haben.
Eine andere Frage ist die, ob außerhalb Italiens schon die kunst
vollere Weberei, insbesondere die Seiden- und Goldweberei in Europa
Bedeutung erlangt hat. In Frankreich, Burgund und England finden wir im
14. und 15. Jahrhunderte größtenteils italienische, aber auch orientalische
Stoffhändler.
Bei der Hochzeit Karls des Kühnen in Brügge und auch bei anderen
Gelegenheiten spielten die Venezianer und Florentiner eine Hauptrolle. 1
In den angeführten niederländischen Quellen ist bei reicheren Stoffen
immer nur von orientalischer oder italienischer Herkunft die Rede. 2
Die Seidenindustrie von Tours soll auf Ludwig XI. zurückgehen, der
im Jahre 1469 italienische und griechische Arbeiter berief; die meisten
sollen aus Genua gekommen sein. 3
Ungefähr gleichzeitig mit der Begründung der Seidenindustrie von
Tours nahm die von Lyon ihren Anfang; auch sie geht auf Italiener, und
zwar angeblich auf zwei genuesische Fabrikanten zurück.
1 Vgl. Francisque-Michel a. a. O. II., Seite 208/9 und II., 308.
3 Auch Jan Kalf in dem oben (Seite 149, Anmerkung 4) angeführten Werke, kommt
zu demselben Ergebnisse; leider war das Werk, wie gesagt, dem Verfasser erst im letzten
Momente zugänglich, so daß die Einzelheiten nicht mehr angeführt werden können. Kalf
weist auch darauf hin, daß die Italiener, zum Teile noch im 18. Jahrhunderte, auf die Ausfuhr
von Werkzeugen für die Seidenverarbeitung sehr strenge Strafen, sogar die Todesstrafe,
gesetzt hatten, und daß die Geheimnisse, auch von einer italienischen Stadt gegenüber der
anderen, aufs strengste gewahrt wurden.
3 Vgl. Francisque-Michel a. a. O. II., Seite 278 ff.
4 Vgl. Francisque-Michel a. a. O. II., Seite 270.