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Full text: Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises von der spätantiken Zeit bis zum Beginne des XIX. Jahrhundertes, mit Ausschluss der Volkskunst : Textband

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Der rastlose Verkehr mit dem Oriente, der in mancher Beziehung 
zwar bereits zu einem bloßen Ausbeutungsgebiete der italienischen Handels 
staaten herabgesunken war, aber doch noch ererbten Reichtum und 
ererbte Eigenart besaß, dieser rastlose Verkehr mag auch ununterbrochen 
aufstachelnd auf die venezianische Industrie gewirkt haben. 
Doch dürfen wir natürlich keineswegs alle italienischen Granatapfel 
muster Venedig zuschreiben; es ist selbstverständlich, daß alle Orte im 
Geschmacke der Zeit arbeiteten, sowie wir später alle in der Renaissance- 
und Barockrichtung tätig sehen. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß 
noch lange Zeit neben den Pinien- oder Granatapfelmustern die älteren ver 
streuten Tier- und Pflanzenornamente, sowie andere Muster üblich waren, 
die wenigstens Nachwirkung des Typus zeigen (man vergleiche Tafel 160 
und 161); besonders im Norden finden wir sie, allerdings fast nur in Streifen 
anordnung, noch weit bis in das 16. Jahrhundert hinein, in Verwendung. 
Und so mögen einzelne Orte; besonders Lucca, in einseitiger Weise 
gerade die älteren Stoffe hauptsächlich weiter erzeugt haben. 
Eine andere Frage ist die, ob außerhalb Italiens schon die kunst 
vollere Weberei, insbesondere die Seiden- und Goldweberei in Europa 
Bedeutung erlangt hat. In Frankreich, Burgund und England finden wir im 
14. und 15. Jahrhunderte größtenteils italienische, aber auch orientalische 
Stoffhändler. 
Bei der Hochzeit Karls des Kühnen in Brügge und auch bei anderen 
Gelegenheiten spielten die Venezianer und Florentiner eine Hauptrolle. 1 
In den angeführten niederländischen Quellen ist bei reicheren Stoffen 
immer nur von orientalischer oder italienischer Herkunft die Rede. 2 
Die Seidenindustrie von Tours soll auf Ludwig XI. zurückgehen, der 
im Jahre 1469 italienische und griechische Arbeiter berief; die meisten 
sollen aus Genua gekommen sein. 3 
Ungefähr gleichzeitig mit der Begründung der Seidenindustrie von 
Tours nahm die von Lyon ihren Anfang; auch sie geht auf Italiener, und 
zwar angeblich auf zwei genuesische Fabrikanten zurück. 
1 Vgl. Francisque-Michel a. a. O. II., Seite 208/9 und II., 308. 
3 Auch Jan Kalf in dem oben (Seite 149, Anmerkung 4) angeführten Werke, kommt 
zu demselben Ergebnisse; leider war das Werk, wie gesagt, dem Verfasser erst im letzten 
Momente zugänglich, so daß die Einzelheiten nicht mehr angeführt werden können. Kalf 
weist auch darauf hin, daß die Italiener, zum Teile noch im 18. Jahrhunderte, auf die Ausfuhr 
von Werkzeugen für die Seidenverarbeitung sehr strenge Strafen, sogar die Todesstrafe, 
gesetzt hatten, und daß die Geheimnisse, auch von einer italienischen Stadt gegenüber der 
anderen, aufs strengste gewahrt wurden. 
3 Vgl. Francisque-Michel a. a. O. II., Seite 278 ff. 
4 Vgl. Francisque-Michel a. a. O. II., Seite 270.
	        
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