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Full text: Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises von der spätantiken Zeit bis zum Beginne des XIX. Jahrhundertes, mit Ausschluss der Volkskunst : Textband

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Zu den ältesten erhaltenen Stickereien gehören wohl die Stola, die, der 
Inschrift nach, Bischof Fridestan von Winchester (f 931) anfertigen und in 
das Grab des heiligen Cuthbert legen ließ— es sind Heiligenfiguren in 
Baldachinen übereinander dargestellt 1 — und die sogenannte Tapisserie 
der Königin Mathilde zu Bayeux, ein Werk vom Ende des 11. oder 
Beginne des 12. Jahrhundertes.- Die Arbeit, von der wir ein Stück auf 
Tafel 163 b bringen, ist insgesamt 63 Meter lang, in Wolle auf Leinen 
ausgeführt. 
Die Arbeit der Königin Mathilde, Gemahlin Wilhelms des Eroberers, 
zuzuschreiben, liegt allerdings kein Grund vor 3 ; in dem Inventare der 
Kathedrale von Bayeux aus dem Jahre 1476* ist von dieser Urheberschaft 
auch nicht die Rede. Jedoch ist der dargestellte Gegenstand, die Eroberung 
Englands durch die Normannen, nach den Inschriften der Stickerei, völlig 
sicher. Da die Arbeit dem Ereignisse zeitlich anscheinend sehr nahe steht, ist 
ihre kultur- und kostümgeschichtliche Bedeutung jedenfalls sehr hervor 
ragend; die Ausführung jedoch ist ziemlich unbeholfen. Die Dekoration 
der Randstreifen lehnt sich sichtlich an südliche Muster an (siehe Tafel 73a); 
die Zeichnung des Ganzen ist aber offenbar im Norden entworfen. Solche 
Darstellungen geschichtlicher oder sagenhafter Ereignisse waren im Norden 
auch keineswegs selten; vom Könige Harold zum Beispiel hören wir, daß er 
einem Kloster ein goldenes Velum schenkte, auf dem die Eroberung Trojas 
in Stickerei dargestellt war. 5 
Bei den größeren Flächen der Kirchengewänder scheint man im 
Norden, insbesondere in früherer Zeit, die Wirkung gewöhnlich der 
Weberei überlassen zu haben und nur auf den gliedernden Borten Stickerei 
Rede sein, es ist jedenfalls eine Art Goldstickerei. — Nebenbei bemerkt, spricht diese 
Erwähnung auch wieder für die oben (Seite 117, Anm. 3) gegebene Erklärung des Ausdruckes 
„Diasper“. Wir sehen ja, daß gewöhnlich die alten Stickereien auf einem, Farbe in Farbe 
gemusterten, damastartigen oder ziselierten Grunde ausgeführt sind, so beim ungarischen 
und beim deutschen Krönungsmantel; es mag also auch hier so gewesen sein. Dann läge 
eben in diesem Farbe-in-Farbe-Mustern das Wesen des Diasper. 
i Vgl. Schnütgen, „Frühgotische gestickte Stola und Manipel im Domschatze zu 
Xanten“. Zeitschrift für christliche Kunst 1889, Seite 337 ff, wo auch einige andere alte 
Stolen und Manipeln besprochen werden. 
• A. Jubinal: „Les tapisseries historiees.“ Paris 1838. — L. de Farcy, „La broderie 
du IX» siecle jusqu’d nos jours.“ Angers 1890, Tafel 3. 
3 F. X. Kraus, „Geschichte der christlichen Kunst“, II/l, Seite 258. 
* Revue de l’art chretien 1884, Seite 273, Anmerkung 1. 
5 Vgl. Francisque-Michel a. a. O. I., 181, 182. 
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