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Full text: Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises von der spätantiken Zeit bis zum Beginne des XIX. Jahrhundertes, mit Ausschluss der Volkskunst : Textband

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Auch die Gotik ist ein Weltstil, wenn er auch in den einzelnen 
Ländern zu verschiedener Zeit eintritt und verschiedene Wandlungen in 
ihnen durchmacht. 
Im späteren Mittelalter jedoch und zwar in den einzelnen Ländern zu 
verschiedener Zeit bildete sich nun ein dritter Stand aus: das Bürgertum 
in den Städten. 
Wir konnten seine geistige Wirksamkeit in Italien bereits erkennen, 
auch auf dem Gebiete der Kunst. Denn die verfeinerte Kultur, die vom 
Süden nach dem Norden Italiens und von den Küstenstädten in das Innere 
des Landes eindrang und in ihrem Gefolge gerade die Textilkunst nach sich 
zog, die war vor allem eine städtische Kultur, ebenso, wie es die griechische 
und die sarazenische gewesen. 
Deutlich konnte sich der Geist des neuen Standes aber erst aus 
sprechen, als er eine Zeit lang geherrscht hatte; das ist ja bei jeder Geistes 
bewegung der Fall. Und Weltstil konnte die neue Richtung erst werden, 
als die bürgerlichen Ideen in verschiedenen Ländern zur Herrschaft 
gelangt waren. 
Es geht mit der Kunst, wie es mit dem Rechte ergeht. Ein geistvoller 
Gelehrter hat das Recht ungefähr so erklärt: Recht ist das, was dem 
Interesse der Herrschenden entspricht, wenn die so geschaffenen Zustände 
eine Zeit lang bestanden haben. So ist auch schön, was dem Geschmacke 
der geistig Herrschenden entspricht, wenn diese Herrschaft in bestimmter 
Art bereits einige Zeit gedauert hat. 
Wir sehen, daß die italienischen Gemeinden schon zur Zeit der 
Kreuzzüge die Welt nach ihrem Interesse, das ist nach dem Interesse des 
Handels und Gewerbes, nicht nur anzusehen, sondern bereits auch ein 
zurichten verstehen. 
Mailand, Florenz, Genua werden Mächte auch ohne ausgedehnten 
Landbesitz, Venedig vermag auch diesen zu erringen. Wenigstens ganz 
Norditalien wird nach den Interessen des Bürgertums geordnet; der Feudal 
adel und die neuen Gewaltherrscher können sich nur dort behaupten, wo 
sie verstanden haben, sich zu Vollstreckern des neuen Gedankens zu 
machen. 
Aber auch im Norden, besonders in den Gebieten der Hansa und 
in den Niederlanden, sind im späteren Mittelalter die bürgerlichen Elemente 
erstarkt. In Frankreich und Burgund, in England und Deutschland erhebt 
sich das Fürstentum gerade im Kampfe gegen den bisher tonangebenden 
Adel zu neuer Macht und wird, vielfach ohne zu wollen, Verteidiger und 
Kräftiger der bürgerlichen Interessen, da diesen die Vereinfachung der 
höchsten Gewalten meist nur zum Vorteile gereicht.
	        
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