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Auch die Gotik ist ein Weltstil, wenn er auch in den einzelnen
Ländern zu verschiedener Zeit eintritt und verschiedene Wandlungen in
ihnen durchmacht.
Im späteren Mittelalter jedoch und zwar in den einzelnen Ländern zu
verschiedener Zeit bildete sich nun ein dritter Stand aus: das Bürgertum
in den Städten.
Wir konnten seine geistige Wirksamkeit in Italien bereits erkennen,
auch auf dem Gebiete der Kunst. Denn die verfeinerte Kultur, die vom
Süden nach dem Norden Italiens und von den Küstenstädten in das Innere
des Landes eindrang und in ihrem Gefolge gerade die Textilkunst nach sich
zog, die war vor allem eine städtische Kultur, ebenso, wie es die griechische
und die sarazenische gewesen.
Deutlich konnte sich der Geist des neuen Standes aber erst aus
sprechen, als er eine Zeit lang geherrscht hatte; das ist ja bei jeder Geistes
bewegung der Fall. Und Weltstil konnte die neue Richtung erst werden,
als die bürgerlichen Ideen in verschiedenen Ländern zur Herrschaft
gelangt waren.
Es geht mit der Kunst, wie es mit dem Rechte ergeht. Ein geistvoller
Gelehrter hat das Recht ungefähr so erklärt: Recht ist das, was dem
Interesse der Herrschenden entspricht, wenn die so geschaffenen Zustände
eine Zeit lang bestanden haben. So ist auch schön, was dem Geschmacke
der geistig Herrschenden entspricht, wenn diese Herrschaft in bestimmter
Art bereits einige Zeit gedauert hat.
Wir sehen, daß die italienischen Gemeinden schon zur Zeit der
Kreuzzüge die Welt nach ihrem Interesse, das ist nach dem Interesse des
Handels und Gewerbes, nicht nur anzusehen, sondern bereits auch ein
zurichten verstehen.
Mailand, Florenz, Genua werden Mächte auch ohne ausgedehnten
Landbesitz, Venedig vermag auch diesen zu erringen. Wenigstens ganz
Norditalien wird nach den Interessen des Bürgertums geordnet; der Feudal
adel und die neuen Gewaltherrscher können sich nur dort behaupten, wo
sie verstanden haben, sich zu Vollstreckern des neuen Gedankens zu
machen.
Aber auch im Norden, besonders in den Gebieten der Hansa und
in den Niederlanden, sind im späteren Mittelalter die bürgerlichen Elemente
erstarkt. In Frankreich und Burgund, in England und Deutschland erhebt
sich das Fürstentum gerade im Kampfe gegen den bisher tonangebenden
Adel zu neuer Macht und wird, vielfach ohne zu wollen, Verteidiger und
Kräftiger der bürgerlichen Interessen, da diesen die Vereinfachung der
höchsten Gewalten meist nur zum Vorteile gereicht.