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Full text: Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises von der spätantiken Zeit bis zum Beginne des XIX. Jahrhundertes, mit Ausschluss der Volkskunst : Textband

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16. Jahrhundertes erhalten, war schon oben (Seite 213) die Rede. 1 Sehr 
lehrreich ist das Mädchenbildnis in der Art Bernhard Strigls aus der 
Sammlung des Herrn Dr. Albert Figdor in Wien; siehe Tafel 259. 
Wir sehen hier unter anderem am Ärmel jene eigentümliche Ver 
wendung der gotischen Brokate als Farbenstreifen, die sich insbesondere 
auf den Bildern Cranachs so häufig finden; an den Achseln finden wir 
wieder das Strahlenmotiv. Besonders wichtig sind jedoch die bunten 
Stickereien auf der Brust; der obere Streifen, auf Goldgrund, ist mehr 
italienisch, der untere zeigt aber die Formen der deutschen Renaissance 
in reizvollster Weise und ist im Originale jedenfalls gestickt zu denken. 
Besondere Pflege erfährt in Deutschland die Leinenstickerei. An 
Krägen und Ärmeln sehen wir sie auf Bildern Holbeins des Jüngeren 
so häufig, daß wir uns gewöhnt haben, von Holbein-Technik zu sprechen. 
Doch sind die Vorbilder der, übrigens nicht nur von Holbein, sondern all 
seinen Zeitgenossen dargestellten Arbeiten offenbar in sehr verschiedenen 
Sticharten ausgeführt. 
Eine bezeichnende deutsche Arbeit in Stielstich aus rotem Garn auf 
Leinwand, mit der Jahreszahl 1581, zeigt Tafel 270. Auch das Stück auf 
Tafel 260/1 a ist, inschriftlich gesichert, deutscher Herkunft; fast als 
sicher anzunehmen ist die deutsche Entstehung auch bei dem Stücke auf 
Tafel 269b, sowie bei denen auf Tafel 252, 253, 254 und 268a, während bei 
dem Stücke auf Tafel 269a vielleicht auch unmittelbar orientalische Ein 
flüsse geltend waren. 
Auch finden sich häufig deutsche Stickereien auf größeren Decken 
und Handtüchern mit dicken, schnurartig hervortretenden Umrissen und oft 
noch geometrischen Flächenfüllungen, meist mit weißem, blauem und 
braunem Leinenfaden ausgeführt; im Bayrischen Nationalmuseum zum 
Beispiel eine Darstellung des Opfers Abrahams, 1545 bezeichnet; dort auch, 
offenbar ziemlich aus derselben Zeit, eine symbolische Jagd des Einhornes, 
dann eine Anbetung der heiligen drei Könige vom Jahre 1562. Andere Stücke 
tragen Datierungen, die in das 17. Jahrhundert hineinreichen.- 
Wir müssen uns denken, daß solche Arbeiten oft von vornehmen 
Damen ausgeführt wurden; so ist zum Beispiele im Inventare des Besitzes 
Erzherzog Ferdinands von Tirol und seiner Gemahlin (vom Jahre 1571 
' In französischen Quellen wird im 16. Jahrhunderte ein ,,point de bouture“ und 
„point de Cologne“ erwähnt, die Gay (a. a. O. I., Seite 205) für dasselbe hält. 
2 Zu den Leinenstickereien vgl. C. A. Savels „Hungertücher“, Zeitschrift für christ 
liche Kunst, 1894, Sp. 179 ff., und Em. Kumsch, „Spitzen- und Weißstickereien des XVI. 
bis XVIII. Jahrhundertes aus dem k. Kunstgewerbemuseum zu Dresden“ (Dresden 1889).
	        
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