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französischen Klassizismus, begnügt sich bei seinem Entwürfe für St. Sulpice
vom Jahre 1732 fast ausschließlich mit diesem Motive.
Dieser Schmuck erschien so berechtigt; es kam ja auch im Leben
selbst vor, daß man Gebäude mit Laub und Blumengewinden behängte.
Warum sollte man sie also nicht auch für die Dauer festhalten? — Die
Antwort, daß eben das, was für den Augenblick paßt, sich nicht für die
Ewigkeit schicke, gab man sich erst, als man auch bei diesen Formen nicht
mehr die Freude an überwundener Unnatur empfand, weil die Überwindung
des Schnörkelwerkes bereits allzuweit zurücklag.
Die Blatt- oder Blumengehänge mußten aber auch vernünftig an
gebracht sein; überhaupt sollte man sehen, wie und warum das Ornament
an die Wand gekommen war.
Das Ornament des Rokoko hatte strenggenommen auch nicht zur Archi
tekturgehört,aber es war gewissermaßen von der Wunderkraft derPhantasie
hingezaubert; jetzt wurde es hingehängt und man konnte den Täter beinahe
nachweisen. Überall sehen wir nun Bänder, Schleifen, selbst Nägelköpfe,
mit denen und an denen das Ornament befestigt ist. So gelangten auch
dieBlumenkörbe zu großer Beliebtheit. Man vergleiche die Tafeln 326,-328,
330 d, 332 b, sowie 335 a und b.
Kleine Inkonsequenzen kommen allerdings vor; man sieht wohl
nicht immer, woran das Ornament eigentlich hängt. Manchmal ist auch
irgendwo ein Zweiglein untergebracht, von dem der Künstler errötend hätte
gestehen müssen, daß er es doch nur aus künstlerischem Gefühle an
gebracht habe.
Selbst Pfauenfedern finden sich, wie im Rokoko, noch manchmal
mitten im Blumenwerke vor.
Man muß eben nicht vergessen, daß neben aller Vernunft, die in dem
Kunstwerke zum Ausdruck kommen sollte, doch auch noch ein gewisses
Raumgefühl mitsprach; man wollte doch immer noch einen ganz bestimmten
Rhythmus schaffen. Und da dieses rhythmische Gefühl des Menschen gar
nichts mit der äußeren Natur zu tun hat, sondern nur der eigentümlichen
Organisation des menschlichen Empfindungslebens entstammt, so kommt
in jede vernunfterstrebende Kunst von vorneherein ein gewisser innerer
Widerspruch; seit Beginn der Renaissance war er ja immer wieder zutage
getreten.
Es gab aber zu jeder Zeit Widersprüche; im Mittelalter wurde
das Abstrakte immer durch den Naturalismus, seit der Renaissance der
Naturalismus immer durch das Abstrakte gefährdet. Nur zeigen sich die
Widersprüche eben klarer, wenn der Verstand vorherrscht, und drängen
deshalb immer rascher zu steter Wandlung.