MAK

Full text: Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises von der spätantiken Zeit bis zum Beginne des XIX. Jahrhundertes, mit Ausschluss der Volkskunst : Textband

310 
französischen Klassizismus, begnügt sich bei seinem Entwürfe für St. Sulpice 
vom Jahre 1732 fast ausschließlich mit diesem Motive. 
Dieser Schmuck erschien so berechtigt; es kam ja auch im Leben 
selbst vor, daß man Gebäude mit Laub und Blumengewinden behängte. 
Warum sollte man sie also nicht auch für die Dauer festhalten? — Die 
Antwort, daß eben das, was für den Augenblick paßt, sich nicht für die 
Ewigkeit schicke, gab man sich erst, als man auch bei diesen Formen nicht 
mehr die Freude an überwundener Unnatur empfand, weil die Überwindung 
des Schnörkelwerkes bereits allzuweit zurücklag. 
Die Blatt- oder Blumengehänge mußten aber auch vernünftig an 
gebracht sein; überhaupt sollte man sehen, wie und warum das Ornament 
an die Wand gekommen war. 
Das Ornament des Rokoko hatte strenggenommen auch nicht zur Archi 
tekturgehört,aber es war gewissermaßen von der Wunderkraft derPhantasie 
hingezaubert; jetzt wurde es hingehängt und man konnte den Täter beinahe 
nachweisen. Überall sehen wir nun Bänder, Schleifen, selbst Nägelköpfe, 
mit denen und an denen das Ornament befestigt ist. So gelangten auch 
dieBlumenkörbe zu großer Beliebtheit. Man vergleiche die Tafeln 326,-328, 
330 d, 332 b, sowie 335 a und b. 
Kleine Inkonsequenzen kommen allerdings vor; man sieht wohl 
nicht immer, woran das Ornament eigentlich hängt. Manchmal ist auch 
irgendwo ein Zweiglein untergebracht, von dem der Künstler errötend hätte 
gestehen müssen, daß er es doch nur aus künstlerischem Gefühle an 
gebracht habe. 
Selbst Pfauenfedern finden sich, wie im Rokoko, noch manchmal 
mitten im Blumenwerke vor. 
Man muß eben nicht vergessen, daß neben aller Vernunft, die in dem 
Kunstwerke zum Ausdruck kommen sollte, doch auch noch ein gewisses 
Raumgefühl mitsprach; man wollte doch immer noch einen ganz bestimmten 
Rhythmus schaffen. Und da dieses rhythmische Gefühl des Menschen gar 
nichts mit der äußeren Natur zu tun hat, sondern nur der eigentümlichen 
Organisation des menschlichen Empfindungslebens entstammt, so kommt 
in jede vernunfterstrebende Kunst von vorneherein ein gewisser innerer 
Widerspruch; seit Beginn der Renaissance war er ja immer wieder zutage 
getreten. 
Es gab aber zu jeder Zeit Widersprüche; im Mittelalter wurde 
das Abstrakte immer durch den Naturalismus, seit der Renaissance der 
Naturalismus immer durch das Abstrakte gefährdet. Nur zeigen sich die 
Widersprüche eben klarer, wenn der Verstand vorherrscht, und drängen 
deshalb immer rascher zu steter Wandlung.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.