320
gerade in flüchtiger Skizze den Haupteindruck am deutlichsten wieder. Das
gilt auch von der Mitra auf Tafel 335 c. Die Doppelwelle mit ihren schnörkel
haften Rokokoerinnerungen und dem ganz naturalistischen Füllmotive in
der Mitte muß als außerordentlich charakteristisch für die Zeit gegen 1770
bezeichnet werden.
Tafel 335 a zeigt eine goldgestickte Schabrake, von der Saint-Aubin
besonders angibt, daß sie im neuesten Geschmacke, also dem aus dem
Ende der sechziger Jahre, ausgeführt ist. Wir sehen hier die großen
Pflanzengehänge, wie wir sie schon von den Stoffen kennen, sowie die
Maschen und die selbständigen, naturalistischen Blumensträuße, die uns
gleichalls schon bekannt sind. Es ist eine vollkommene Parallelerscheinung
zu den besprochenen Stoffen.
Auf Tafel 335 d bringen wir eine weitere skizzenhafte Darstellung
nach Saint-Aubin, die uns aber in ausgezeichneter Weise das Schema einer
reicheren, wenn auch im Typus noch etwas älteren, Louis XVI-Stickerei
vor Augen führt. Ganz Ähnliches finden wir in Spitzen, die man überhaupt
zum Vergleiche heranziehen möge. 1
® ® • ®
Verblüffend weit vorgeschritten in der Entwicklung ist die Dekoration
der Tunika auf Tafel 335 b. Die an geknüpften Bändern befestigten Schilde
und die herabhängenden Kränze wirken schon fast wie Empiremusterungen,
ebenso auch die spärlich verteilten, kleinen Zweige. In den Kränzen der
Hauptstreifen kann man noch Reste der sich kreuzenden Ranken er
kennen; das Ganze wirkt noch nicht vollkommen als aufgelöstes Streu
muster, die Kurven werden vom Auge noch unwillkürlich fortgesetzt,
die Teile dadurch noch in engeren Zusammenhang gebracht. Merkwürdig
ist aber die fast architektonische, monumentale Einfachheit des Ganzen;
wir stehen eben nicht nur im Naturalismus, sondern auch im Klassizismus,
in der Zeit der großartig sich vereinfachenden Architektur.
Die Ovale sind vielleicht mit einem Ornamente, allenfalls einem
Monogramme, gefüllt zu denken, doch wird auch dieses Ornament dann
gewiß nur sehr einfach vorzustellen sein.
Ein anderes charakteristisches Beispiel bietet Saint-Aubin auf
derselben Tafel, der wir diese Skizze entnehmen, in der Darstellung
einer Kappa. Der Schild, der früher zu den reichsten Figurendarstellungen
angeregt hatte, zeigt jetzt einfach das Dreieck mit, nach allen Seiten aus
gehenden, Strahlen, als Sinnbild der Dreieinigkeit. Eine solche Stickerei, in
iZum Beispiele in des Verfassers „Entwicklungsgeschichte der Spitze“, Tafel 79 b, 80
und 82.