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Full text: Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises von der spätantiken Zeit bis zum Beginne des XIX. Jahrhundertes, mit Ausschluss der Volkskunst : Textband

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gerade in flüchtiger Skizze den Haupteindruck am deutlichsten wieder. Das 
gilt auch von der Mitra auf Tafel 335 c. Die Doppelwelle mit ihren schnörkel 
haften Rokokoerinnerungen und dem ganz naturalistischen Füllmotive in 
der Mitte muß als außerordentlich charakteristisch für die Zeit gegen 1770 
bezeichnet werden. 
Tafel 335 a zeigt eine goldgestickte Schabrake, von der Saint-Aubin 
besonders angibt, daß sie im neuesten Geschmacke, also dem aus dem 
Ende der sechziger Jahre, ausgeführt ist. Wir sehen hier die großen 
Pflanzengehänge, wie wir sie schon von den Stoffen kennen, sowie die 
Maschen und die selbständigen, naturalistischen Blumensträuße, die uns 
gleichalls schon bekannt sind. Es ist eine vollkommene Parallelerscheinung 
zu den besprochenen Stoffen. 
Auf Tafel 335 d bringen wir eine weitere skizzenhafte Darstellung 
nach Saint-Aubin, die uns aber in ausgezeichneter Weise das Schema einer 
reicheren, wenn auch im Typus noch etwas älteren, Louis XVI-Stickerei 
vor Augen führt. Ganz Ähnliches finden wir in Spitzen, die man überhaupt 
zum Vergleiche heranziehen möge. 1 
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Verblüffend weit vorgeschritten in der Entwicklung ist die Dekoration 
der Tunika auf Tafel 335 b. Die an geknüpften Bändern befestigten Schilde 
und die herabhängenden Kränze wirken schon fast wie Empiremusterungen, 
ebenso auch die spärlich verteilten, kleinen Zweige. In den Kränzen der 
Hauptstreifen kann man noch Reste der sich kreuzenden Ranken er 
kennen; das Ganze wirkt noch nicht vollkommen als aufgelöstes Streu 
muster, die Kurven werden vom Auge noch unwillkürlich fortgesetzt, 
die Teile dadurch noch in engeren Zusammenhang gebracht. Merkwürdig 
ist aber die fast architektonische, monumentale Einfachheit des Ganzen; 
wir stehen eben nicht nur im Naturalismus, sondern auch im Klassizismus, 
in der Zeit der großartig sich vereinfachenden Architektur. 
Die Ovale sind vielleicht mit einem Ornamente, allenfalls einem 
Monogramme, gefüllt zu denken, doch wird auch dieses Ornament dann 
gewiß nur sehr einfach vorzustellen sein. 
Ein anderes charakteristisches Beispiel bietet Saint-Aubin auf 
derselben Tafel, der wir diese Skizze entnehmen, in der Darstellung 
einer Kappa. Der Schild, der früher zu den reichsten Figurendarstellungen 
angeregt hatte, zeigt jetzt einfach das Dreieck mit, nach allen Seiten aus 
gehenden, Strahlen, als Sinnbild der Dreieinigkeit. Eine solche Stickerei, in 
iZum Beispiele in des Verfassers „Entwicklungsgeschichte der Spitze“, Tafel 79 b, 80 
und 82.
	        
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