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Full text: Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei innerhalb des europäischen Kulturkreises von der spätantiken Zeit bis zum Beginne des XIX. Jahrhundertes, mit Ausschluss der Volkskunst : Textband

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darstellte. Das Kunstwerk entspricht damit aber nur dem Leben, denn 
auch dieses muß den Weg finden zwischen ununterbrochenen Wider 
sprüchen. 
In der späten Antike ist die Weberei überhaupt in den Vordergrund 
des Kunstbetriebes getreten; denn sie kann besser, als die meisten anderen 
Zweige künstlerischen Schaffens, das Streben nach gleichmäßig feierlicher 
Wiederholung, nach Symmetrie und nach zauberischen Farbenklängen 
befriedigen. Die Stickerei spielt in dieser Zeit nur eine Nebenrolle. 
Was dann, ohne vollständige Erneuerung der geistigen Grundlagen, 
durch Weiterentwicklung der spätantiken Überlieferungen zu gewinnen 
war, das hat einerseits Byzanz, anderseits die sarazenische Welt aus 
diesen Überlieferungen zu entwickeln vermocht. 
Die Abstraktion wird in gewissem Sinn auf die Spitze getrieben; 
aber gerade dadurch vermag sich das vielleicht wichtigsteSchema der ganzen 
Textilkunst im Prinzipe auszubilden, nämlich das Doppelwellenschema mit 
organisch verbundenen Mittelstücken. 
Auf die Dauer kann den Ansprüchen der verfeinerten sarazenischen 
und der reicher werdenden europäischen Kulturwelt die bloße Abstraktion 
aber nicht genügen. Die Genießenden sind mit abstrakten Formen über 
sättigt; die abstrakten Formen selbst sind erschöpft: so trägt alles dazu bei, 
das ganze Gefüge des Ornamentes zu lockern. Infolge dessen können sich 
auch die fremden Einflüsse des naturalistischen Ostens, deren Eindringen 
durch die weltgeschichtlichen Ereignisse noch besonders begünstigt wird, 
nun ganz anders geltend machen als jemals zuvor. Die sarazenische Welt 
hat jedoch nicht die Kraft besessen, aus diesen Anregungen etwas dauernd 
Lebensvolles zu schaffen. 
Wirklich neues Leben ist in die Kunst erst gekommen, seitdem sich 
in Europa eine vollkommene Erneuerung des Geisteslebens durchzuringen 
beginnt und der Individualismus sich wieder über die Massenempfindung 
erhebt. 
Man muss sich zunächst vielfach begnügen, unter dem Überlieferten 
eine Auswahl zu treffen und es den neuen Forderungen anzupassen. Es 
zeigt sich dies besonders bei den Geweben der Gotik, während die 
Stickerei bereits eigene Formen zu finden weiß. 
Mit dem Erstarken des individualistischen Renaissancegedankens 
sehen wir dann aber allenthalben ein überraschendes Blühen und Wachsen, 
eine ungeahnte Reichhaltigkeit der Formen, ein tausendfältig sich glie 
derndes Leben. Die Stickerei löst sich von der Weberei, die Spitze von 
der Posamenterie, und jedes Gebiet der Tätigkeit scheint seine eigenen 
Gesetze zu entwickeln. 
Jl
	        
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