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darstellte. Das Kunstwerk entspricht damit aber nur dem Leben, denn
auch dieses muß den Weg finden zwischen ununterbrochenen Wider
sprüchen.
In der späten Antike ist die Weberei überhaupt in den Vordergrund
des Kunstbetriebes getreten; denn sie kann besser, als die meisten anderen
Zweige künstlerischen Schaffens, das Streben nach gleichmäßig feierlicher
Wiederholung, nach Symmetrie und nach zauberischen Farbenklängen
befriedigen. Die Stickerei spielt in dieser Zeit nur eine Nebenrolle.
Was dann, ohne vollständige Erneuerung der geistigen Grundlagen,
durch Weiterentwicklung der spätantiken Überlieferungen zu gewinnen
war, das hat einerseits Byzanz, anderseits die sarazenische Welt aus
diesen Überlieferungen zu entwickeln vermocht.
Die Abstraktion wird in gewissem Sinn auf die Spitze getrieben;
aber gerade dadurch vermag sich das vielleicht wichtigsteSchema der ganzen
Textilkunst im Prinzipe auszubilden, nämlich das Doppelwellenschema mit
organisch verbundenen Mittelstücken.
Auf die Dauer kann den Ansprüchen der verfeinerten sarazenischen
und der reicher werdenden europäischen Kulturwelt die bloße Abstraktion
aber nicht genügen. Die Genießenden sind mit abstrakten Formen über
sättigt; die abstrakten Formen selbst sind erschöpft: so trägt alles dazu bei,
das ganze Gefüge des Ornamentes zu lockern. Infolge dessen können sich
auch die fremden Einflüsse des naturalistischen Ostens, deren Eindringen
durch die weltgeschichtlichen Ereignisse noch besonders begünstigt wird,
nun ganz anders geltend machen als jemals zuvor. Die sarazenische Welt
hat jedoch nicht die Kraft besessen, aus diesen Anregungen etwas dauernd
Lebensvolles zu schaffen.
Wirklich neues Leben ist in die Kunst erst gekommen, seitdem sich
in Europa eine vollkommene Erneuerung des Geisteslebens durchzuringen
beginnt und der Individualismus sich wieder über die Massenempfindung
erhebt.
Man muss sich zunächst vielfach begnügen, unter dem Überlieferten
eine Auswahl zu treffen und es den neuen Forderungen anzupassen. Es
zeigt sich dies besonders bei den Geweben der Gotik, während die
Stickerei bereits eigene Formen zu finden weiß.
Mit dem Erstarken des individualistischen Renaissancegedankens
sehen wir dann aber allenthalben ein überraschendes Blühen und Wachsen,
eine ungeahnte Reichhaltigkeit der Formen, ein tausendfältig sich glie
derndes Leben. Die Stickerei löst sich von der Weberei, die Spitze von
der Posamenterie, und jedes Gebiet der Tätigkeit scheint seine eigenen
Gesetze zu entwickeln.
Jl