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Auch vergleiche man den außerordentlich buntwirkenden Stoff auf
Tafel 46c, der natürlich nicht vorkonstantinisch ist, wie sein erster Ver-
öffentlicher meinte, aber zeitlich dem Simsonstoffe wohl nicht fern steht.
Weniger farbenreich, nur gelb auf purpurnem Grunde, ist ein Stoff
mit einer Quadriga im Louvre (Tafel 45). Mit der Ornamentierung der
Kreise vergleiche man die Randornamente des, auch farbig ähnlich
gehaltenen, Einsatzstreifens auf Tafel 12a; dieser Einsatz zeigt eine ähnliche
Form, wie wir sie schon aufTafel 14a gesehen haben. Wir stehen also immer
noch in einer Zeit, in der es unendliche und tektonische Muster neben
einander gibt.
Für dieses Nebeneinanderbestehen abgepaßter (tektonischer) und
unendlicher Muster ist es auch bezeichnend, daß Kreismuster, wie das auf
Tafel 43, sich bisweilen, aus Stoffen mit unendlicher Musterung ausge
schnitten, in tektonischer Verwendung vorfinden. Ähnliches scheintübrigens
auch bei Streifenmustern der Fall zu sein; schon Riegl' hat mit Recht
hervorgehoben, daß sie vielfach als Teile unendlicher Musterung aufzu
fassen sind. Vielleicht kann man das ganz einfach daraus erklären, daß sie
wirkliche Ausschnitte aus unendlichen Musterungen darstellen (vgl. Tafel
13b); wenn sie in Gobelinarbeit in Wolle ausgeführt sind, haben wir, wie
bereits erwähnt, wohl bloß an billigeren Ersatz für ausgeschnittene und
aufgenähte Seidenstreifen zu denken.
In dem Streifen aufTafel 12a sehen wir zum Teile frei angeordnete
Figuren, zum Teile ganz symmetrische; die Stücke aufTafel 46 a und c
zeigen dagegen vollste Symmetrie, die wir übrigens auch beim Simson
stoffe erkannten. Man vergleiche auch die Gesamtanordnung, sowie die
Zwickelfüllungen und Randornamente des unteren Stoffes aufTafel 40.
Also auch in Bezug auf die Symmetrie stehen wir mit Arbeiten wie
dem Streifen aufTafel 12a in einer Zeit deutlichen Überganges.
Auffällig für ein Werk der griechisch-römischen Kulturwelt sind die
Steinböcke außerhalb der Kreise im Quadrigastoffe; man wird dieses
Motiv, wenn man von älteren griechischen Werken herkommt, wohl kaum
erwarten. Es mag hier wie bei der Darstellung aufTafel 13 c schon fremder
Einfluß vorliegen, ebenso bei der (Seite 13) erwähnten Kathedra des
Bischofes Maximianus.
Nebenbei sei hier auf eine Kleinigkeit hingewiesen, welche deutlich
zeigt, wie sehr diese späte, visionär empfindende Kunst sich in Einzelheiten
der primitiven wieder nähert. Ich möchte sagen, es ist nicht mit offenen,
sondern geschlossenen Augen gesehen in Erinnerungen und Visionen;
i Besonders „Spätrömische Kunstindustrie“ Seite 41.