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Full text: Amtlicher Bericht über die Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 - Erstes Heft

Stabeisen und Stahl. 65 
Einsetzen der Charge, welche 15 bis 20 Centner beträgt, beginnt die 
Rotation des Herdes, wodurch bezweckt wird, allen Eisentheilen eine 
gleichmässige Hitze zu Theil werden zu lassen und dadurch an Brenn 
material zu sparen. Nach vollendetem Einschmelzen findet das 
Rühren statt, worauf das Luppenmachen in ähnlicherWeise wie in den 
gewöhnlichen Puddelöfen erfolgt. Der Ofen ist übrigens zur Zeit in 
der Praxis noch nicht erprobt. 
Von hochwichtiger Bedeutung für die Entwickelung der Eisen- 
und Stahlindustrie sind die Bestrebungen von William Siemens 
in London, welcher Modelle und Zeichnungen seiner neuen Ofencon- 
structionen ausgestellt hat; nämlich : 
1. das Modell eines Regenerativ-Gussstahlschmelzofens 
für das Verfahren der Stahldarstellung nach Siemens-Martin durch 
Eintränken von Schmiedeeisen- und Stahlabfällen in ein Roheisenbad; 
2. das Modell eines sogenannten Cascadenofens, in welchem 
auf der hohem Etage im offenen Herde ein Bad von geschmolzenem 
Eisen bereitet wird, um in die nächst untere, aus zwei zur abwech 
selnden Benutzung dienenden Abtheilungen bestehende Etage abgelas 
sen und dort mit einem Gemenge von Kohlen- und Erzpulver mit Rühr 
stangen durchgearbeitet zu werden; die in solcher Weise erzeugten 
Luppen sollen entweder direct weiter verarbeitet oder zum Einträn 
ken beim Siemens-Mart in’sehen Process benutzt werden; 
3. Modell undZeichnung eines rotirenden Ofens zur directen 
Erzeugung von Schmiedeeisen und Stahl aus Erzen. Der 
Ofen ist dem von Danks ähnlich, cylinderförmig aus Eisen, auf Rollen 
ruhend; er erhält ein Futter aus Bauxitformsteinen, welche sehr feuer 
beständig sind; die Heizung erfolgt aus einem Siemen s’schen Gasregenera 
tor, der Ein- und Austritt der Flammen durch horizontal neben einan 
der und vor dem Ofen liegende Oeffnungen. Es werden zerkleinerte 
Erze, mit Flussmitteln nach Bedarf beschickt, auf den Herd und nach 
circa 40 Minuten zum Schmelzen gebracht, demnächst wird Kohle zu 
gesetzt und hierauf die Umdrehungsgeschwindigkeit des Ofens zum 
Zweck der bessern Mischung der Erze und der Kohle bedeutend gestei 
gert, wobei die Reduction der Erze unter gleichzeitiger Bildung einer 
flüssigen Schlacke stattfindet, nach deren Abstich durch schnelles Dre 
hen das Ballen des Eisens zur Luppe bewirkt wird. Um Stahl zu erzeu 
gen, setzt man nach erfolgter Reduction der Erze Spiegeleisen im Ro 
tator zur Masse zu. Es sind eine rohe Luppe, sowie Fertigproducte, 
wie Tyres, Achsenbleche bis zur Papierdünne mit Bruch - und Biege 
proben beigefügt, welche die vorzügliche Qualität der Producte erwei 
sen. Eine solche Anlage soll als erste auf dem Continent zu Prevali 
in Kärnthen demnächst in Betrieb kommen. 
Erwähnenswerth ist noch die von W. Seilers & Co. in Philadel 
phia im Modell ausgestellte, sehr sauber ausgeführte Walzenstrecke, 
Wiener Weltausstellung. k
	        
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