244 Mittelschulen: II. Deutsche Sprache und Literatur.
Geschichte, Naturgeschichte und Geographie dargebotenen Lehrstoff zu beleben;
endlich muss es durch würdigen Inhalt und durch Einheit und Harmonie des
Ganzen auf die Schüler einen nachhaltigen Eindruck zu machen und auf Ge-
müth und Charakter derselben einen veredelnden Einfluss zu üben geeignet sein.
An das Lesebuch sind die mannigfaltigen Uebungen im Lesen, Wieder
geben des Inhaltes, Analysiren hiezu besonders geeigneter Sätze und Satzgefüge
anzuknüpfen.
Bei der Erklärung des Gelesenen ist ein Durcheinanderwerfen von Wort-
und Sacherklärung, von grammatischen, orthographischen und stilistischen Er
klärungen strenge zu vermeiden.
Da das Lesebuch ein wesentliches Bildungsmittel für die Schüler sein
soll, so ist das Ganze in der Zeit, für welche es bestimmt ist, auszulesen, um
diess zu erreichen, ist eine geeignete Unterscheidung statarischer und cursorischer
Lectüre zu treffen, und ausserdem die häusliche Lectüre, welche durch Angabe
des Inhaltes in den Lehrstunden controlirt werden soll, zu Hilfe zu nehmen.
5. Die schriftlichen Arbeiten haben |ihren Zweck in der Anregung
zu einem klaren und bestimmten Denken, in der Erstarkung der reinen Phan
tasie, in der Aneignung der Reinheit der Sprache. Daher muss der Schü
ler Herr des gegebenen Vorwurfes sein. Der Arbeit muss, was Heuristik, Dis
position und Form anbelangt, eine vorbereitende Hilfe des Lehrers vorangehen;
dem Umfange nach ist wenig aufzugeben, hingegen ist um so mehr auf die
Correctheit und relative innere Vollendung zu sehen.
Der Stoff ist aus dem gesammten Gebiete des gleichzeitigen Schulunter
richtes mit pädagogischer Berechnung zu entlehnen. In der I. Classe beschrän
ken sich die Aufgaben auf das richtige Wiedergeben von kurzen einfachen Be
schreibungen und Erzählungen, welche vom Lehrer mündlich vorgetragen sind;
ihr Inhalt ist vorzüglich aus der Naturgeschichte und Geographie zu entneh
men. In den folgenden Classen erweitert sich der Kreis, aus welchem die Auf
gaben gewählt werden können, die Wahl derselben ist namentlich mit dem
Geschichts-Unterrichte in enge Verbindung zu setzen, die Reproduction gewinnt
an Freiheit und erhebt sich nach und nach zu Anfängen eigener Production;
doch sind Aufgaben von betrachtendem und reflectirendem Inhalte erst in dem
letzten Jahre oder in den letzten anderthalb Jahren, nur selten und in sorg
fältiger Wahl zu stellen. Zu vermeiden sind namentlich Uebungen im Entwer
fen von Tropen und Figuren und ein häufiges Aufgeben von Briefen.
Die häusliche Correctur des Lehrers muss bei jeder Aufgabe die Aufsätze
sämmtlicher Schüler vollständig umfassen; in der zur Rückgabe der Aufsätze
bestimmten Lehrstunde gibt der Lehrer eine Uebersicht der Urtheile über die
Leistungen der Einzelnen, und wählt zur Besprechung aus sämmtlichen Arbei
ten nur die Puncte heraus, welche er zur Belehrung der ganzen Classe erfolg
reich verwenden kann.