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Mittelschulen: II. Deutsche Sprache und Literatur.
Das Mittelhochdeutsche ist von der fünften in die sechste oder siebente
Classe versetzt und durch den Beisatz „nach Umständen” beschränkt.
Die Bezeichnung „Literatur-Geschichte” als Lehrgegenstand ist aufgegeben,
und nur eine gedrängte Uehersicht des Literarhistorischen im Anschlüsse an
die Lectüre verlangt. Auch ist die Fortsetzung bis auf die neueste Zeit nicht
mehr ausdrücklich geboten; doch ist die Gränze nicht förmlich bestimmt.
Für nichtdeutsche Gymnasien gelten dieselben Bestimmungen; nur dass
vom Mittelhochdeutschen abzusehen ist. —
2. Lehr- und Lesebücher.
Vor der Gymnasial-Reform von 1849 bildete die deutsche Sprache und
Literatur keinen selbstständigen Lehrgegenstand auf österreichischen Gymnasien
und Lyceen. Sie fanden nur gelegentlich Berücksichtigung, indem man etwa
einen deutschen Aufsatz machen liess oder aus einem Buche, das den Titel
„Sammlung deutscher Beispiele” führte, einzelne Musterstücke deutscher Poesie
und Prosa in der Schule vornahm.
Der Organisations-Entwurf von 1849 stellte dem österreichischen Lehr
stande plötzlich eine völlig neue und schwierige Aufgabe, für die er offenbar
nicht vorbereitet war. Es zeigt sich darum auch anfangs eine begreifliche Ver
wirrung in der Durchführung der neuen Organisation.
Man strebte im ersten Eifer über das natürliche Ziel hinaus und bezeich-
nete den Lehrgegenstand für das Obergymnasium manchmal als „deutsche
Sprachwissenschaft”. Es fehlte fast durchweg an geeigneten Lehrbüchern und
man griff oft ohne Wahl nach dem, was der deutsche Büchermarkt bot, Avovon
einiges durch den Organisations-Entwurf selbst empfohlen worden war.
Das Verzeichniss der Lehr- und Lesebücher, welche in den Jahresberich
ten der Gymnasien von 1850 bis 1852 angeführt sind, bietet ein ziemlich
buntes Bild. —
In diesen Jahren standen an verschiedenen Anstalten im Gebrauche:
1. Bach Nicolaus: „Deutsches Lesebuch für Gymnasien”. Untere, mittlere
und obere Lehrstufe. Leipzig.
2. Bechstein Ludwig: „Deutsches Dichterbuch.” Leipzig. Eine Sammlung
von Gedichten aus allen Jahrhunderten.
3. Beilhach J. G.: „Lehrbuch der deutschen Stilistik für Studienschulen
und Gymnasien.” München.
4. Jäckel, Bertheld und andere: „Deutsches Familienbuch”. Leipzig.
5. Bone Heinrich: „Handbuch für den deutschen Unterricht an den oberen
Classen der Gymnasien.” (Deutsches Lesebuch II. Theil) Köln.
6. Bratranek: „Geschichte der deutschen Literatur.” Wien.
7. Falkmann Ch. F.: Stilistisches Elementarbuch oder Cursus von Stilübun
gen, enthaltend eine kurze Anleitung zum guten Stil, Aufgaben zu Vor-