B. Im Ober-Gymnasium. 1. Lehr- und Lesebücher.
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in den Gränzen einer gesunden Didaktik blieb. — Wenn analytische Aesthe-
tik als Lehrgegenstand der VIII. Classe angeführt wird, so kann man in der
Regel nur an die Poetik denken; einmal aber deutet die Anführung von Ficker’s
Aesthetik darauf hin, dass man über die Dichtkunst hinaus zu gehen versuchte. 1 )
Die Unterrichts-Behörde suchte gleich Anfangs den grössten Verirrungen
zu steuern und mahnte schon in einem Erlasse von 1850, dass z. B. blosses
Vorlesen in den Lehrstunden für Sprache und Literatur nicht gestattet werden
könne, und dass der Lehrgegenstand nicht „deutsche Sprachwissenschaft” genannt
werden dürfe. Ferner wurde 1851 daran erinnert, dass die Theorie des Stils
und der Literatur - Geschichte nicht eine selbstständige, von der Lectüre als der
Hauptsache des Sprachunterrichtes unabhängige Behandlung finden dürfe, welche
Erinnerung noch 1853 wiederholt werden musste, mit Hinweisung auf die
Grundsätze des Organisations-Entwurfes. 2 )
Eine strengere Ordnung erhielt der deutsche Unterricht an Obergymna
sien seit 1851 durch Einführung des deutschen Lesebuches für die oberen
Classen der Gymnasien von J. Mozart (Wien 1851—53 in drei Bänden),
welches bereits im Organisations-Entwürfe angekündigt worden war. 3 ) — Der Ver
fasser war damals Sectionsrath im Ministerium für Cultus und Unterricht und über
nahm die Herstellung eines deutschen Lesebuches für Gymnasien gewissermassen
im Aufträge seines Ministers, um die Durchführung des Organisations-Entwurfes
zu erleichtern und der Verschiedenartigkeit der Lehrmittel zu steuern.— r Dieses
Buch fand seit 1851 an fast allen österreichischen Gymnasien Eingang und ist
an vielen heute noch in Gebrauch. —
Mozart’s „Deutsches Lesebuch” entspricht mehr dem Lehrpläne von 1855,
als dem des Organisations-Entwurfes und war wohl bestimmt, letzteren in einigen
Puncten zu corrigiren. — Der erste Band enthält poetische und prosaische Lesestücke
in chronologischer Ordnung von Klopstock bis Goethe (einschiesslich) in solcher Aus
wahl, dass die wichtigsten poetischen und prosaischen Darstellungsformen re-
präsentirt sind. Die Auswahl ist im Geiste der besten deutschen Lesebücher
getroffen, nur Klopstock’s „Messias” dürfte nirgends (Bone ausgenommen) so stark
vertreten sein, als in Mozart’s Buche. — Einen eigenthümlichen didaktischen
Vortheil bietet dasselbe aber dadurch, dass sachliche und sprachliche Anmer
kungen zu den Lesestücken in einem Anhänge vereinigt sind, die sowol Lehrern
als Schülern das Studium erleichtern. — Obwohl ein theoretischer Lehrstoff
1) Es liegt in den österreichischen Schulverhältnissen begründet, dass fast s'ämmtliche
Bücher, welche die Studienreform nothwendig machte, aus dem deutschen Reiche stammten. Nur
Bratranek’s Literaturgeschichte, Pablasek’s deutsche Poetik, Podlaha’s Muster deutscher Rede
künste und Ficker’s Aesthetik waren österreichischen Ursprungs.
2) Matauschek Normalien-Nachschlagehuch (Prag 1864) S. 220.
3) Organisation - Entwurf S. 144: „Es wird dafür gesorgt, dass baldigst eine reiche und
doch durch ihren Preis für Anschaffung seitens der Schüler geeignete Sammlung kann dargeboten
werden.” —