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Full text : Bericht über österreichisches Unterrichtswesen, aus Anlass der Weltausstellung 1873, II. Theil

B.  Im  Ober-Gymnasium.  2.  Lehr-  und  Lesebücher.

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welche  mehr  als  die  Hälfte  nichtdeutsche  Schüler  hatten.  Das  konnte  nur  vom
Uebel  sein.  Ist  der  Nutzen  des  Mittelhochdeutschen  selbst  für  deutsche  Schüler
problematisch,  so  ist  es  geradezu  unverantwortlich,  dasselbe  nichtdeutschen
aufdrängen  zu  wollen.
Das  Uebel  wurde  noch  dadurch  vergrössert,  dass  der  Organisations-Entwurf ­
  den  Unterricht  in  die  V.  Classe  versetzte,  also  Schülern  zumuthete,
welche  nicht  im  Stande  waren,  den  ästhetischen  und  nationalen  Werth  der
alten  Literatur  zu  schätzen.  —-  Der  Lehrplan  von  1855  versetzt  das  Mittelhochdeutsche ­
  nach  Umständen  in  die  VI.  oder  VII.  Classe,  so  dass  dasselbe  sich
an  den  literar-historischen  Unterricht  anschliesst,  oder  als  Grundlage  der  älteren
Literaturgeschichte  selbständig  einen  Jahrescurs  ausfüllt
Als  Chrestomathie  empfiehlt  der  Organisations-Entwurf  Henneberger’s
„Altdeutsches  Lesebuch  für  höhere  Lehranstalten”  (Halle  1849).  Man  findet
aber  in  den  Gymnasial-Programmen  auch  Ilahn’s  „Mittelhochdeutsches  Lesebuch” ­
  verzeichnet  und  manche  Anstalten  haben  für  diesen  Unterricht  den  betreffenden ­
  Abschnitt  des  Bone’schen  „Handbuches”  verwendet.  —  Seit  dem
Jahre  1851  wird  Karl  Weinhold’s  „Mittelhochdeutsches  Lesebuch”  (Wien
1850)  Norm  für  den  mittelhochdeutschen  Unterricht  an  österreichischen  Gymnasien. ­
  Es  war  über  Aufforderung  des  Ministeriums  entstanden  und  wich  in
seiner  Einrichtung  etwas  von  dem  Lehrplane  des  Organisations-Entwurfes  ab.  —
Eine  ziemlich  gründliche  „Laut-  und  Formenlehre  des  Mittelhochdeutschen”  wies
auf  die  Nothwendigkeit  einer  Grammatik  hin,  und  dem  Lesestoffe  jeder  Abtheilung ­
  war  ein  litcrar-historischer  Lehrstoff  vorausgeschickt.  —•  Wenn  das
Buch  auch  gothische  und  althochdeutsche  Sprachproben  ausschliesst,  so  geht
es  doch  in  den  grammatischen  Paradigmen  auf  diese  Sprachperioden  zurück.
Dr.  Karl  ReichePs  „Mittelhochdeutsches  Lesebuch  für  Gymnasien”  (Wien
1858)  schliesst  sich  in  seiner  Methode  an  Weinhold  an,  enthält  aber  mehr
Lesestoff,  weil  der  in  Weinhold’s  Buche  für  mehrjährigen  Gebrauch  sich  als
unzureichend  erwiesen  hatte.  —  Auch  „Der  grammatische  Abriss  der  mittelhochdeutschen ­
  Sprache”  geht  weiter,  als  Weinhold’s  „Laut-  und  Formenlehre”
und  ist  vom  Verfasser  bestimmt,  „ein  richtiges  Erkennen  des  grammatischen
Baues  der  Muttersprache”  anzubahnon.  Neben  den  grammatischen  Zwecken
verfolgt  das  Lesebuch  ferner  eine  vorwiegend  literar-historische  Aufgabe,  nämlich, ­
  „ein  recht  lebendiges  Bild  eines  glücklichen,  herrlichen  Zeitraumes  unserer
vaterländischen  Geschichte  zu  gewähren.”  Der  literar-historische  Lehr-  und
Lesestoff  ist  ähnlich  vertheilt,  wie  bei  Weinhold.  —  Das  „Glossarium”  erschien
nachträglich  (Wien  1861),  weil  Reichel  dasselbe  anfangs  für  überflüssig  hielt,
im  Gebrauche  sich  aber  das  Bedürfniss  nach  einem  solchen  herausstellte. 1 )  —
Bemerkenswerth  ist  ReichePs  Versuch,  die  sogenannte  historische  Orthographie

1)  Eine  zweite  durchgesehene  und  vermehrte  Auflage  des  ganzen  Buches  besorgte  des  mittlerweile
  verstorbenen  Verfassers  Bruder  Prof.  Rudolf  Reichel  (Wien  1871).
II.

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