B. Im Ober-Gymnasium. 2. Lehr- und Lesebücher.
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welche mehr als die Hälfte nichtdeutsche Schüler hatten. Das konnte nur vom
Uebel sein. Ist der Nutzen des Mittelhochdeutschen selbst für deutsche Schüler
problematisch, so ist es geradezu unverantwortlich, dasselbe nichtdeutschen
aufdrängen zu wollen.
Das Uebel wurde noch dadurch vergrössert, dass der Organisations-Entwurf
den Unterricht in die V. Classe versetzte, also Schülern zumuthete,
welche nicht im Stande waren, den ästhetischen und nationalen Werth der
alten Literatur zu schätzen. —- Der Lehrplan von 1855 versetzt das Mittelhochdeutsche
nach Umständen in die VI. oder VII. Classe, so dass dasselbe sich
an den literar-historischen Unterricht anschliesst, oder als Grundlage der älteren
Literaturgeschichte selbständig einen Jahrescurs ausfüllt
Als Chrestomathie empfiehlt der Organisations-Entwurf Henneberger’s
„Altdeutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten” (Halle 1849). Man findet
aber in den Gymnasial-Programmen auch Ilahn’s „Mittelhochdeutsches Lesebuch”
verzeichnet und manche Anstalten haben für diesen Unterricht den betreffenden
Abschnitt des Bone’schen „Handbuches” verwendet. — Seit dem
Jahre 1851 wird Karl Weinhold’s „Mittelhochdeutsches Lesebuch” (Wien
1850) Norm für den mittelhochdeutschen Unterricht an österreichischen Gymnasien.
Es war über Aufforderung des Ministeriums entstanden und wich in
seiner Einrichtung etwas von dem Lehrplane des Organisations-Entwurfes ab. —
Eine ziemlich gründliche „Laut- und Formenlehre des Mittelhochdeutschen” wies
auf die Nothwendigkeit einer Grammatik hin, und dem Lesestoffe jeder Abtheilung
war ein litcrar-historischer Lehrstoff vorausgeschickt. —• Wenn das
Buch auch gothische und althochdeutsche Sprachproben ausschliesst, so geht
es doch in den grammatischen Paradigmen auf diese Sprachperioden zurück.
Dr. Karl ReichePs „Mittelhochdeutsches Lesebuch für Gymnasien” (Wien
1858) schliesst sich in seiner Methode an Weinhold an, enthält aber mehr
Lesestoff, weil der in Weinhold’s Buche für mehrjährigen Gebrauch sich als
unzureichend erwiesen hatte. — Auch „Der grammatische Abriss der mittelhochdeutschen
Sprache” geht weiter, als Weinhold’s „Laut- und Formenlehre”
und ist vom Verfasser bestimmt, „ein richtiges Erkennen des grammatischen
Baues der Muttersprache” anzubahnon. Neben den grammatischen Zwecken
verfolgt das Lesebuch ferner eine vorwiegend literar-historische Aufgabe, nämlich,
„ein recht lebendiges Bild eines glücklichen, herrlichen Zeitraumes unserer
vaterländischen Geschichte zu gewähren.” Der literar-historische Lehr- und
Lesestoff ist ähnlich vertheilt, wie bei Weinhold. — Das „Glossarium” erschien
nachträglich (Wien 1861), weil Reichel dasselbe anfangs für überflüssig hielt,
im Gebrauche sich aber das Bedürfniss nach einem solchen herausstellte. 1 ) —
Bemerkenswerth ist ReichePs Versuch, die sogenannte historische Orthographie
1) Eine zweite durchgesehene und vermehrte Auflage des ganzen Buches besorgte des mittlerweile
verstorbenen Verfassers Bruder Prof. Rudolf Reichel (Wien 1871).
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