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Full text: Bericht über österreichisches Unterrichtswesen, aus Anlass der Weltausstellung 1873, II. Theil

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Mittelschulen: II. Deutsche Sprache und Literatur. 
in einem Schulbuche auch für den neuhochdeutschen Text zu verwenden, was 
selbst Weinhold nicht gewagt. Die Yerbannung der Majuskel, der Dehnungs 
zeichen u. a. hat, wie ich aus Erfahrung weiss, manche Verwirrung unter den 
Schülern angerichtet. 
Im Jahre 1862 liess Weinhold kurz vor seinem Scheiden aus Oester 
reich die zweite Auflage seines Buches erscheinen, das er 1850 in den er 
sten bewegten Wochen seines Eintrittes in Oesterreich verfasst hatte. — Es 
war im Wesentlichen ein neues Buch geworden. Die Lesestücke hatte der 
Verfasser bedeutend vermehrt, den literar-historischen Lehrstoff aber beschränkt, 
lind die Grammatik neu geschrieben. Er wollte sie für den Schulgebrauch ge 
eigneter machen und liess daher manches Allgemeine und höher Gehaltene weg, 
suchte aber dafür möglichst viel Einzelnheiten zu geben. 
Alois Seumann’s „Mittelhochdeutsches Lesebuch” mit einleitenden 
und erklärenden Bemerkungen und einem Glossar (Wien 1870) will die in 
unseren Schulen eingeführten, aber ungünstig eingerichteten Lesebücher er 
setzen. — Statt einer mittelhochdeutschen Grammatik gibt der Verfasser „einen 
TJeberblick der unterscheidenden Merkmale der mittelhochdeutschen und neu 
hochdeutschen Sprachgesetze” ohne die gothischen und althochdeutschen For 
men zur Vergleichung beizustellen, wie Weinhold und Reichel thun. 
Wie Reumann das grammatische Material beschränkt, so erweitert er das 
literar-historische, er nimmt nicht nur althochdeutsche Sprachproben auf, son 
dern glaubt auch den Verfall der mittelhochdeutschen Epik, Lyrik und Didak 
tik durch eine Auswahl von Lesestücken repräsentiren zu müssen. In der 
Gruppirung von Lehr- und Lesestoff folgte Reumann übrigens der Methode 
Weinholds und Reichels. 
Reuestens ist noch ein „Mittelhochdeutsches Lesebuch” von Richard 
von Muth (Wien 1873) erschienen. Der Verfasser will zunächst die neuen Resul 
tate und die Eülle neuer Gesichtspuncte, die die Forschung der letzten Jahre 
zu Tage gefördert hat, den Zwecken der Schule dienstbar machen. Den gram 
matischen Lesestoff reducirt er auf das kleinste Mass und legt, wie Reumann, 
ungleich grösseres Gewicht auf die Vergleichung der mittelhochdeutschen Form 
mit der neuhochdeutschen, als auf Begründung der Formen durch ältere Spra 
chen. Rur schickt er der mittelhochdeutschen Flexionslehre eine Einleitung 
über Entwicklung der deutschen Sprache im Allgemeinen voraus. In der An 
ordnung des Lehr- und Lesestoffes folgt er seinen Vorgängern, nur dass er die 
Heldensage reicher vertreten, und die Didaktik ganz fallen lässt. 
Statt eines Glossars gibt Muth „Anmerkungen” zu allen Wörtern, die 
einer Erläuterung bedürfen, und ein „Wortregister”, welches auf die Anmer 
kungen verweiset. — Dieses Buch ist auch bestimmt, den Bedürfnissen der 
österreichischen Realschule zu dienen, in deren Lehrplan neuestens der 
mittelhochdeutsche Unterricht aufgenommen wurde. Darum verweiset der Ver 
fasser gelegentlich auf Beispiele aus modernen Sprachen, welche an Realschulen
	        
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