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260 Mittelschulen: II. Deutsche Sprache und Literatur.
Lehrstunde zur Belehrung der Classe zu bezeichnen; gelungene Aufsätze kön
nen als Beispiele vorgelesen werden.
8. Eine Theorie des Stiles ist für Zwecke des Aufsatzes nicht zu ver
wenden und kommt höchstens insoweit in Betracht, als sie das Verständniss
der Literatur erleichtert.
9. In der obersten Classe des Gymnasiums sind Redeübungen, Vorträge
selbstverfasster Reden und Abhandlungen von Schülern in der Classe statthaft.
Dabei können die Mitschüler zu mündlicher Kritik des Vortrages aufgefordert
werden, um ihre Theilnahme zu wecken.
Diese Grundsätze bilden die hauptsächlichste Richtschnur für den Lehrer
des Deutschen an österreichischen Mittelschulen. Ausserdem haben die Werke
Raumcr’s, Hieke’s, Ph. Wackernagel’s, Laas u. a. gebührenden Einfluss
gewonnen, obwohl ihre Lehren nich unbestritten sind. 1 iele Sammlungen
deutscher Themen, die der ausserösterreichische Büchermarkt bringt, haben auch
an österreichischen Schulen Eingang gefunden, aber oft nicht zum \ ortheile der
selben, weil die dort gestellten Aufgaben ohne die nöthige Prüfung benützt
werden. 1 )
In der Vorausstellung des österreichischen Unterrichts - Ministeriums war
der deutsche Aufsatz nur durch die Einsendung des deutschen Ober - Gymnasi
ums auf der Kleinseite in Prag vertreten 2 ), das durch seine Lage in einer
bedeutenden Landeshauptstadt, mitten in einer Bevölkerung von stark slavischen
Tendenzen wohl geeignet scheint, österreichische Verhältnisse zu repräsentiren.
Schülerarbeiten haben nur insoferno eine Berechtigung in der
Ausstellung, als sie ein Urtheil über die Methode des Lehrers erlau
ben und ihre Mängel kommen nicht wie in der Schule auf Rechnung des
Schülers. — Im vorliegenden Palle gibt der Lehrer, Dr. Joseph Walter, selbst
Auskunft über sein Verfahren, indem er den Arbeiten der Schüler eine Erläu
terung vorausschickt. Man ist daher in der Lage, sowohl die Methode des
Lehrers, als die Resultate zu beurtheilen. Die Hauptsätze dieser „Erläuterung
sind in kurzer Passung folgende:
Die eingesendeten Aufsätze sind von Schülern der VII. Classe und
VIH. Classe in der Zeit vom October 1871 bis Februar 1873 ausgearbeitet.
Um ein anschauliches Bild der geistigen Entwicklung der Classe und dos
Einwirkens ihres Lehrers in diesem Zeiträume zu geben, liegen Haus- und
Schularbeiten im Originale vor, und zwar derart ausgesucht, dass die besten,
die mittelmässigen und die minder gelungenen hintereinander folgen.
1) Diese und manche andere Verirrungen des stilistischen Unterrichtes auf österreichischen
Mittelschulen weist Karl Reichel nach in seiner Abhandlung: ,.Die Aufgaben zu deutschen Aufsätzen
an den österreichischen Obergymnasien.’’ Z. f. öst. G. 1857 S. 541.
2) Es ist nachträglich vom Ministerium selbst die Einleitung getroffen worden, dass von
sämmtlichen Mittelschulen, welche im Juni d. .1. die schriftlichen Maturitätsprüfungen abhalten, je die
beste Prüfungsarbeit zur Ausstellung eingesendet werde, damit eine wirkliche Uchersieht über den
Stand dieses Unterrichtszweiges gewonnen werden könne.