B. Im Ober-Gymnasium. 3. Schriftliche Aufsätze.
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Die Hauptgedanken, wie ihre Anordnung wurden anfangs den Schülern
angegeben, später arbeiteten sie ohne derartige Einflussnahme und wurden in
der Octava ganz sieh selbst überlassen.
Um ein' zweckloses Easeln und Abschweifen vom Thema hintanzuhalten,
und den Schüler zu einer streng logischen Gliederung der Gedanken und zu
einer präcisen Passung zu zwingen, musste für jeden häuslichen Aufsatz der
Gedankengang kurz angegeben werden. Auch wurde darauf gesehen, dass ein
passendes Motto, deutsche, lateinische und griechische Citate in Anwendung
kämen. Bei den Schularbeiten wurden die Anforderungen niedriger gestellt
und vor Allem auf „Fülle der Gedanken und Beweise in möglichst kurzer,
grammatisch-richtiger Darstellung gedrungen.”
In der Absicht, die Schüler unter der Aufsicht des Lehrers zu einer un
parteiischen Kritik zu befähigen, wurden einigen die Arbeiten der Mitschüler
zur Prüfung übergeben. Sie mussten dieselben nach Inhalt und Form unter
suchen, Bemerkungen machen und am Ende ihr Gesammturtheil, aber ohne die
„Classe” angeben. Hierauf wurde die Arbeit des Verfassers wie des Kritikers
vom Lehrer geprüft.
Die Fehler wurden im Allgemeinen und Besonderen besprochen und die
gelungensten Aufsätze von den Schülern selbst vorgetragen.
Um nun zu zeigen, wie die schriftlichen und mündlichen Bemerkungen
des Lehrers von den Schülern benützt wurden, liess derselbe 41 Reinschrif
ten anfertigen in solcher Auswahl, dass alle Abstufungen des Talentes, alle
Arten der Darstellung und der Nationalität vertreten waren.
So finden sich denn Aufsätze von 29 Deutschen, 9 Cechen, 1 Wenden
und einem Magj’aren.
Ausser den Haus- und Schulaufgaben wurden freie Arbeiten vorgelegt,
welche den sichersten Beweis geistiger Reife der Schüler enthalten sollen. —
Schon die Schüler der Septima wurden angehalten, einem Zeitabschnitt der
Literaturgeschichte oder einem Classiker ein besonderes Studium zu widmen.
In der Octava wurden die Stoffe zu den freien Arbeiten aus allen Ge
bieten des Gymnasial-Unterrichtes entlehnt. Um den Schülern genügende Zeit
zur Ausarbeitung zu lassen, vertheilte der Lehrer bereits seit März 1872 die
Themen nach Talent und Neigung, gab Anleitungen zur Benützung der nöthigen
Literatur und Rathschläge im Fortgange der Arbeit. Ziemlich viele entschieden
sich selbst für ein Lieblingsthema; die Geübteren trachteten ganz selbstständig
zu verfahren. Darum sind die Aufsätze so vorgelegt, wie sie vom Schüler ge
macht wurden, ohne die Correctur des Lehrers. Die Angabe der aus den
Büchern entnommenen Stellen wurde den Schülern zur strengsten Pflicht ge
macht. Darum findet sich vor dem Aufsatze stets die benützte Literatur ange
geben und solche selbst unter dem Texte citirt. —
Ueberbürdung und Ueberstürzung glaubte der Lehrer durch die Einrich
tung zu verhüten, dass er den Schülern den ganzen Sommer 1872 (die Ferien