XII. Zeichnen und Modelliren. 405
XII. Zeichnen und Modelliren.
Bericht von Schulrath Eduard Walser in Wien.
Die Ausstellung hieher gehörender Objecte, insbesondere der Schüler
arbeiten im Zeichnen und Modelliren bildet einen der Glanzpuncte der
Collectiv-Exposition des k. k. Unterrichts-Ministeriums.
Diese Erscheinung ist um so erfreulicher, als die Thatsache leider
feststeht, dass man der eminent künstlerischen Begabung unserer Bevölkerung
bei Abfassung der Lehrpläne wenig oder gar keine Rechnung trägt und demgemäss
auch dem Zeichnen, das doch die Grundlage aller einschlägigen Bestrebungen
bildet, im Gesammt-Unterrichte nicht die ihm gebührende Stelle
einräumt.
Wenn wir auch gerne zugeben, die Kunstschulen, Kunst-Gewerbeschulen
u. s. w. wären in erster Linie berufen, hier fordernd einzuwirken, so ist es
darum nicht minder wahr, dass schon in den allgemeinen Bildungsstätten des
Volkes die edlen künstlerischen Keime geweckt und gepflegt werden sollten,
da die harmonische Ausbildung sämmtlicher Grundkräfte des Menschen,
sonach die Bildung des Schönheitssinnes, sowie die Anleitung zur richtigen
Auffassung der uns umgehenden Dinge überhaupt, ein Hauptgebot jedes
Unterrichts-Systems sein muss.
Ein Volk, dessen Sinn durch das Zeichnen hinreichend geweckt und vorgebildet
ist, wird nicht nur das Bedürfniss nach edleren Formen empfinden
und den künstlerischen Bestrebungen Verständniss entgegenbiingen, sondern
dasselbe verliert auch unvermerkt den Geschmack an rohen Belustigungen;
es wird edler und gefälliger — selbst in der äussern Erscheinung. Das beweisen
jene seit Jahrhunderten berühmten Stätten unseres Erdtheiles, welche
das ersehnte Wanderziel der Gebildeten aller ^Nationen geworden sind.
„Was die längsten mündlichen und schriftlichen Erklärungen nicht verständlich
zu machen vermögen, wird gar oft durch eine einfache Zeichnung sofort
klar und begreiflich.” Dieser Satz des Nestors der Pädagogen verdient
die grösste Beachtung schon darum, weil der Anschauungs-Untex licht, dessen
Wurzeln im Zeichnen zu suchen sind, seit Pestalozzi die Basis unseres Lnterrichtswescns
geworden ist.
Zwei grosse Wege waren von jeher den Emanationen des Menschengeistes
offen: die Sprache und die bildliche Darstellung, zwischen denen die
Schrift als Vermittleren steht, beiden dienstbar.
Wir lesen aus den ewig mustergiltigen Schriften der Griechen und Römer
weltbewegende Gedanken heraus und bewundern gleichzeitig die Werke der
antiken Kunst, die uns auf dem lebendigen Wege der Anschauung unmittelbarer
noch als die ersteren das reich pulsirende antike Leben erschliessen.