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Full text: Bericht über österreichisches Unterrichtswesen, aus Anlass der Weltausstellung 1873, II. Theil

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Mittelschulen: XII. Zeichnen und Modelliren. 
Wer möchte doch den Vorwurf tragen, den zweiten Weg seinem Volke 
nicht eben so gangbar gemacht zu haben, als den ersten? 
Darum ist es hocherfreulich, dass man aller Orten und gerade hei den 
vorgeschrittensten Nationen das Zeichnen als Unterrichts-Gegenstand betont, 
und die Vernachlässigungen früherer Zeiten um die Wette gut zu machen sieh 
bestrebt. 
1. Gesetzliche Bestimmungen. 
In Oesterreich wendete man diesem wichtigen allgemeinen Bildungsmittel 
seit der Errichtung der Realschulen und Gewerbschulen erhöhte Aufmerksam 
keit zu und stellte einen Lehrgang sowohl für das Freihandzeichnen 
als auch für das geometrische Zeichnen an Realschulen fest, 1 ) welcher 
jedoch bei der Neuheit der Sache, insbesondere aber bei dem Umstande, dass es 
an einem einheitlichen Systeme gebrach, den Forderungen nicht entsprechen 
konnte und in jüngster Zeit durch den nunmehr zu Recht bestehenden, auf 
Grund des Landes-Gesetzes vom 3. März 1870 verfassten Lehrplan für Real 
schulen ersetzt wurde. 
Dieser Plan, welchen wir seinem officiellen Wortlaute nach hier bringen, 
weist dem gesammten Zeichen-Unterrichte 48 wöchentliche Unterrichts-Stun 
den (gegen 54 Stunden des alten Lehrplanes) zu; hievon sind 30 Stunden 
dem eigentlichen Ereihand-Zeichnen einschliesslich der ersten Classe und 
18 Stunden dem geometrischen Zeichnen nebst der Geometrie zugedacht. 
Durch den hohen Ministerial-Erlass vom 17. Juni 1872, Z. 5435 wurde 
jedoch auch diese Stundenzahl um eine verringert und der Lehrplan für die 
zeichnenden Fächer an Realschulen in folgender Weise zusammen 
gestellt. 
Geometrisches Zeichnen und darstellende Geometrie. 
Lehrziel für die Unterrealschule: Kenntniss der Elemente der Geometrie und 
geometrischen Constructionslehre; Fertigkeit im Linearzeichnen. 
Lehrziel für die gesammte Realschule: Vollständige Kenntniss und gewandte 
Handhabung der Projectionslehre in ihrer Anwendung auf Schattenlehre, auf Perspective 
und auf Darstellung technischer Objecte. 
I. Classe, wöchentlich 6 Stunden: Geometrische Anschauungslehre. Geometrische 
Gebilde in der Ebene (Linien, Winkel, Dreieck, Viereck, Vieleck, Kreis, Ellipse), Com- 
binationen dieser Figuren; das geometrische Ornament. Elemente der Geometrie im Raume; 
Zeichnen nach Draht-, Holz- und Gips-Modellen. 
II. Classe, wöchentlich 3 Stunden: Planimetrie; Uehungen mit dem Zirkel und dem 
Reisszeuge überhaupt, Gebrauch der Reissschiene und des Dreiecks. 
III. Classe, wöchentlich 3 Stunden: Fortsetzung des vorbesprochenen Lehrstoffes unter 
Anwendung auf Fälle und Beispiele aus der technischen Praxis. Stereometrie. 
IV. Classe, wöchentlich 3 Stunden: Anwendung der vier algebraischen Grund 
operationen zur Lösung von Aufgaben der Planimetrie und Stereometrie. Theoretiseh- 
constructive Uehungen im Zeichnen der wichtigsten ebenen Kurven. Einleitung in die 
darstellende Geometrie: orthogonale Projection des Punctes und der Linie. 
1) Organisation-Entwurf für Gymnasien und Realschulen pag. 217.
	        
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