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YI. Jahresberichte. 627
schrift wurde seit Beginn der Sechziger Jahre immer seltener, um zuletzt so
gut als gänzlich aufzuhören.
Dass das Interesse für die Programm-Literatur in Abnahme begriffen, ist
eine Thatsache, die sich nicht auf Oesterreich beschränkt. Die Zahl der Fach-
blätter, der Publicationen von Akademien und gelehrten Gesellschaften hat sehr
zugenommen, und es ist in Folge dessen gegenwärtig viel leichter, als ehedem,
gediegene Abhandlungen einem grösseren Leserkreise zugänglich zu machen.
Die Jahresberichte der Mittelschulen werden seihst von den Fachgenossen
nur zu häufig übersehen und gerathen in Vergessenheit; sie stehen ausser
halb des regelmässigen buchhändlerischen Vertriebes, und gerade verlangte
Exemplare sind oft nicht aufzutreiben. Hierdurch wurde natürlich auch
die Qualität der Programmaufsätze beeinträchtigt; es geschah — speciell in
Oesterreich — nicht selten, dass man bei der Aufnahme derselben mit zu
geringer Vorsicht verfuhr und, wenn eine tüchtige Arbeit nicht zu Gebote
stand, es vorzog, eine schwächere oder vollständig werthlose zu publiciren,
statt für diessmal auf die Herausgabe eines Jahresberichtes zu verzichten. So wurde
denn vielfach die Frage aufgeworfen, ob es sich überhaupt der Muhe lohne,
die Sitte der Programme fortbestehcn zu lassen, oder ob die darauf verwen
deten, in ihrer Summe nicht unbeträchtlichen und bei den ungünstigen Preis
verhältnissen der Gegenwart sich fortwährend steigernden Geldmittel nicht mit
grösserem Erfolge der Erweiterung der Lehrmittelsammlungen, insbesondere
der Bibliotheken, gewidmet werden sollten.
Anderseits tauchten verschiedene Vorschläge auf, wie die Programm-
Literatur wahrhaft nutzbar gemacht, namentlich auch der Buchhandel für
dieselbe gewonnen werden könne. Uns scheinen die Gründe, welche für
Beibehaltung der Programme sprechen, zu überwiegend, gerade für die öster
reichischen Mittelschulen, welche nicht eine lange, ununterbrochene Tradition
hinter sich haben, sondern vor zwei Decennien aus dem Fundament neu
geschaffen wurden, und für die es gewiss nicht vom Uebel i§t, sich unter
einander, mit den ausländischen Anstalten, und selbst mit dem nicht schul
männischen Publicum in Fühlung zu erhalten. Es wäre verfrüht, wegen
vielfacher einzelner Misserfolge auf ein lebenslähiges Organ dieses Verkehrs
und damit zugleich auf ein geeignetes Mittel zur Veröffentlichung werthvoller
literarischer Arbeiten im Vorhinein ganz zu verzichten, wo sich doch aul allen
wissenschaftlichen Gebieten noch ein so reiches Feld der Thätigkeit darbietet.
Mit dieser principiellen Rechtfertigung ist aber nicht auch schon eine durch
gängige Billigung des bisherigen Verfahrens ausgesprochen; es muss vielmehr
entschieden daran festgehalten werden, dass die von der Schule ausgehende
Schrift dieselbe in jeder Beziehung würdig vertreten soll. Von grossem Belange ist
es vor Allem, den Vorwurf der Abhandlung richtig zu wählen. Es ist häufig
genug bemerkt worden, dass Aufgaben von begränztem Umfang sich für den
engen Rahmen eines Jahresberichtes viel mehr eignen, als solche, ^die ein