B. Evangelische Religion. 1. Lehrplan.
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3. Sind schon auf der zweiten Stufe auf Grund der biblischen Geschichte
die allgemeinen sittlichen Principien der christlichen Religion entwickelt wor
den, so gebührt es der dritten Stufe, diese Principien in ausgedehnter Form
zum Verständniss zu bringen, sowie die dem Kindesalter zugänglichen theo
retischen Grundideen des Christenthums zu behandeln.
1. Lehrplan.
Es liegen uns aus den verschiedensten Theilen der österreichischen Mon
archie Berichte über die beim evangelischen Religions-Unterrichte gebrauchten
Lehrpläne und Lehrbücher vor. So aus den Kronländern Niederösterreich,
Oberösterreich, Steiermark, Küstenland, Böhmen, Mähren, Galizien, Schlesien.
In keinem Kronlande jedoch ist das evangelische Schulwesen zu so vollkom
mener Entwickelung gelangt, wie in Schlesien. Nur in diesem Kronlande
' sind sowohl die Volksschule und die Lehrer - Bildungsanstalt, als auch die
Mittelschule mit specifisch evangelischer Färbung insgesammt vertreten. Ins
besondere ist es die evangelische Gemeinde Bielitz, welche in richtiger Er-
kenntniss der hohen Bedeutung der Bildungsanstalten sowohl eine vollständig
ausgebildete Volksschule, eine drei- (bald vier-) classige Lehrer-Bildungsanstalt
(mit einer Vorbereitungs-Classe) und eine Unter- und Ober-Realschule besitzt.
Selbstverständlich ist an diesen Bildungsanstalten die Einrichtung des evange
lischen Religions-Unterrichts zu einer Ausbildung gelangt, wie es an anderen
Orten schon der äusseren Umstände wegen nicht möglich war.
Es wird daher angemessen sein, die an den Bielitzer Lehranstalten gel
tenden Lehrpläne in dem Folgenden zu Grunde zu legen und nur da auf
anderweitig im Gebrauche befindliche zurückzukommen, wo die letzteren er
hebliche Abweichungen darbieten.
Untere Stufe: 1. Der Religions-Unterricht auf der untersten Stufe hat sich dem
allgemeinen Unterricht in Stoff und Methode möglichst anzupassen. Was die Methode
betrifft, so beginnt der gesammte Religions-Unterricht mit einem Anschauungs-Unter
richte, der allmälig zur Entwickelung von religiösen Grundbegriffen übergeht. Beschrei
bung des Hauses — des Schulgebäudes — des Kirchengebäudes. Das Kirchgehen. Das
Singen und Beten. In fasslicher Form wird die Schöpfungsgeschichte erzählt, von
den Kindern durch Ausfragen nacherzählt Auf das anschauliche Moment wird das
Hauptgewicht gelegt, z. B. Pflanzen, Blumen, Bäume, Sträuchen, Berg und Thal, Strom,
Fluss, Bach, Quelle u. s. w. — Beten = mit Gott sprechen. Wann? Am Morgen, Mittag,
Abend. Wo? Im Hause, in der Schule, in der Kirche. Verschiedene dem Kindesalter ent
sprechende Gebete werden eingeübt.
Wer hat uns von Gott recht viel erzählt? Christus. Hervorragende Momente aus
seiner Kindesgeschichte. Sein Lebensende.
Dieser Stoff wird ohne Lehrbuch verarbeitet. Nur im Unterricht selbst wird gelernt,
Hausaufgaben werden keine gegeben. *)
Unterstützt wird dieser Anschauungs-Unterricht durch Vorzeigen von Bildern.
1) Das unter 1 Mitgetheilte gehört hauptsächlich dem Lehrplane der evangelischen Schule zu
Brünn an. Dass weder Lehrbuch noch Hausaufgaben auf dieser Stufe vorhanden sind, entspringt
der richtigen Absicht, den Religions-Unterricht den Kindern nicht als eine Last, sondern als eine
Lust und Freude erscheinen zu lassen. Die Religionsstunde soll für sie eine Erholungsstunde sein.