Mufikalifche Lehrmittel
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Lehrgegenftand, die demfelben zugewendete Zeit und Methode aber ergibt an
verfchie'denen Anftalten unterfchiedliche Abweichungen. An der Mehrzahl der
Seminarien wird aufserdem noch in der Harmonielehre, im Violin- und Clavierfpiel
und in der Methodik des Gefanges Unterricht ertheilt, Orgelunterricht nur in den
Cantonen, in welchen die Gemeinden Orgeln haben.
Dem Chorgefange wird in der Schweiz eine ganz befondere Pflege zuge
wendet und er hat dafelbfl eine Verbreitung gefunden wie nirgends anderwärts.
Fafl jede Gemeinde hat ihren aus freier Vereinigung hervorgegangenen Männer
chor, in mehreren Städten finden wir auch Frauenchöre mit felbftftändiger Organi-
fation. Das Verdienft in diefer Beziehung läfst lieh zurückführen auf Hans Georg
Näg eli (den Componiften der weltbekannten Melodie „Freuet euch des Lebens“)
geboren 1768 zu Zürich und dafelbfl: geflorben 1836. Er gab den Anftofs zur Ein
führung des Männergefanges in das Volksleben, componirte felbfl viele Werke für
Männerftimmen und fchrieb aufserdem, angeregt durch die P e ft alo zzi fche und
Pf e iffe r’fche Methode im Jahre 1809 eine „Gefangbildungs-Lehre“, die nochheute
in vielen Partien nicht veraltet ift und die Grundlage für eine Reihe ähnlicher
Werke wurde. Nägeli’s Ideen und feine patriotifchen und religiöfen Gelänge
fanden rafche Verbreitung; allenthalben wurden Sängervereine gebildet und
Sänger herangebildet. Der oben erwähnte graphifch-ftatiftifche Beiichtüber
die Schweizer Gefangvereine, bearbeitet von Ignaz Heim in Zürich,.dem
gegenwärtigen Direktor des „eidgenöffifchen Sängervereines“, gibt die hieher
bezüglichen, höchft intereffanten Daten. Er ift äufserft forgfältig zufammengeftellt
nach folgenden Rubriken: Name des Gefangvereines, Sitz des Vereines nach
Canton und Gemeinde, Gründungsjahr, Zahl der Sedtionen und Mitglieder, ob
der Verein eine Zeitfchrift publicirt? feit wann? wie oft? Stärke der Auflage,
ökonomifche Verhältniffe in Rückficht auf Vermögen zu Ende des Jahres 1871,
Einnahmen und Ausgaben im Jahre 1871. Nebft dem find bei vielen Vereinen
Notizen über ihre Wirkfamkeit beigefetzt. Diefer Bericht führt an, dafs Pfarrer
Weifshaupt in Appenzell im Jahre 18x8 das erfte Central-Sängerfeft organifirte
und dafs Zürich, Aargau, Thurgau, St. Gallen, Schaffhaufen und noch andere
Städte alsbald diefem Beifpiele folgten. Schon im Jahre 1824 berechnete Nägeli
die Zahl der in Vereinen thätigen Sänger auf 20.000. Bei allen Canton- und
Volksfeften fpielten und fpielen auch heute noch die mufikalifchen Aufführungen
eine grofse Rolle; bei vielen derfelben wurden Preife ertheilt für die beiten
Leiftungen im Chorgefange. Im Jahre 1842 ift es den Sängervereinen von Aarau
und Zürich gelungen, alle hervorragenden Männer-Gefangvereine der Schweiz zu
einem grofsen Ganzen zu vereinigen: zum „eidgenöffifchen Sängervereine“. Seit
X843 gibt es bei den gröfseren Sängerfeften „Wettgefänge“ nach den beiden Kate
gorien: Kunftgefang und Volksgefang. „Diefe Einführung verurfachte mancherlei
Diffonanzen, die man durch immer erneute Regiemente für die Preisrichter und
die Vereine zu löfen fuchte, bisher immer vergebens“ (SieheBericht S. 230). Der
Status zu Ende des Jahres 1871 war folgender: Anzahl der Gefangvereine 1593,
Zahl der Mitglieder 50.000, Vermögen 239.173 Francs, Einnahmen 273-854Francs,
Ausgaben 225.204 Francs.
Diefe enorme Verbreitung des Männergeianges, eines zwar berechtigten,
jedoch einfeitigen und in vieler Beziehung unkünftlerifchen Gebietes der Mufik,
hat nach unferer Meinung auf den Gefchmack des Volkes nicht veredelnd gewirkt.
Der Sinn für gröfsere Formen, für reinere Klangwirkungen, für die eigentlichen
Schätze unferer claffifchen Kunft erftirbt unter der Unmaffe von fchalen Produkten
mufikalifcher Kleinkunft, die dem Volke immer wieder als edle Koft angepriefen
und dargereicht werden. Auf die verheerenden Wirkungen jenes Gebietes auf die
Stimmorgane ganzer Generationen wollen wir hier nicht erft aufmerkfam machen.
Aus der Mitte des Schweizer Volkes felbfl; erheben fleh bereits Stimmen, welche
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