MAK

Full text: Denkmäler altrussischer Malerei : russische Ikonen vom XII. bis XVIII. Jahrhundert

Diese Bedenken entstehen nicht, weil die fortschrittlichen Kreise unserer 
Öffentlichkeit dadurch einfach ihren Haß gegen eine ihnen fremde 
Weltanschauung zum Ausdruck bringen, sondern weil diese fremde 
Weltanschauung immer noch eine gewisse Lebensfähigkeit bekundet. 
Dieser Umstand zwingt einen Teil unserer Öffentlichkeit, sich auch 
gegenüber der kirchlichen Kunst äußerst feindselig zu verhalten, weil sie 
in ihr eine Macht sieht, die mehr oder weniger als Bundesgenosse dieser 
noch lebendigen, veraltetenVorurteile auftritt. 
Es gibt einen treffenden Ausdruck: »Götter werden schön, wenn sie 
sterben.« Warum? Weil die Religionen ein ganz natürlicher Ausdruck 
bestimmter Zeitalter sind, eine tiefe Unbefriedigtheit des Menschen über 
das Leben, seine Sehnsucht nach einer anderen Welt, seine Hoffnung auf 
Glück, gesteigerteVorstellungen von der Glückseligkeit hervorrufen und 
damit zugleich gewaltige schöpferische ästhetische Kräfte wecken. 
Sogar wenn die Religion ganz in die Hände der herrschenden Klassen 
gerät und in der Hauptsache ein Werkzeug ihrer Selbsterhöhung wird, 
zeigt die ungebändigte Macht barbarischer Zeiten durch Heranziehung 
der besten Meister des Landes gerade in den religiösen Formen mit 
besonderer Stärke und Pracht ihre ganze Lebenskraft und Energie durch 
die religiöse Kunst. In den Fällen, wo die neue Klasse gezwungen ist, 
den Kampf gegen die altenVorurteile fortzusetzen, wirft der Haß gegen 
diese Vorurteile naturgemäß seine breiten Schatten auch auf die Kunst, 
welche die noch kämpfenden Götter umgibt.Wenn sie schließlich sterben 
und nur ihre majestätisch-schönen Hüllen Zurückbleiben, so erhalten diese 
eine große historische Bedeutung für das Verständnis des inneren Gehalts 
der entschlafenenVergangenheit und gleichzeitig ein großes ästhetisches 
Interesse — als Quelle verschiedener, namentlich technischer Impulse und 
als Quelle hohen Genusses, der durch nichts getrübt wird. 
6
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.