Diese Bedenken entstehen nicht, weil die fortschrittlichen Kreise unserer
Öffentlichkeit dadurch einfach ihren Haß gegen eine ihnen fremde
Weltanschauung zum Ausdruck bringen, sondern weil diese fremde
Weltanschauung immer noch eine gewisse Lebensfähigkeit bekundet.
Dieser Umstand zwingt einen Teil unserer Öffentlichkeit, sich auch
gegenüber der kirchlichen Kunst äußerst feindselig zu verhalten, weil sie
in ihr eine Macht sieht, die mehr oder weniger als Bundesgenosse dieser
noch lebendigen, veraltetenVorurteile auftritt.
Es gibt einen treffenden Ausdruck: »Götter werden schön, wenn sie
sterben.« Warum? Weil die Religionen ein ganz natürlicher Ausdruck
bestimmter Zeitalter sind, eine tiefe Unbefriedigtheit des Menschen über
das Leben, seine Sehnsucht nach einer anderen Welt, seine Hoffnung auf
Glück, gesteigerteVorstellungen von der Glückseligkeit hervorrufen und
damit zugleich gewaltige schöpferische ästhetische Kräfte wecken.
Sogar wenn die Religion ganz in die Hände der herrschenden Klassen
gerät und in der Hauptsache ein Werkzeug ihrer Selbsterhöhung wird,
zeigt die ungebändigte Macht barbarischer Zeiten durch Heranziehung
der besten Meister des Landes gerade in den religiösen Formen mit
besonderer Stärke und Pracht ihre ganze Lebenskraft und Energie durch
die religiöse Kunst. In den Fällen, wo die neue Klasse gezwungen ist,
den Kampf gegen die altenVorurteile fortzusetzen, wirft der Haß gegen
diese Vorurteile naturgemäß seine breiten Schatten auch auf die Kunst,
welche die noch kämpfenden Götter umgibt.Wenn sie schließlich sterben
und nur ihre majestätisch-schönen Hüllen Zurückbleiben, so erhalten diese
eine große historische Bedeutung für das Verständnis des inneren Gehalts
der entschlafenenVergangenheit und gleichzeitig ein großes ästhetisches
Interesse — als Quelle verschiedener, namentlich technischer Impulse und
als Quelle hohen Genusses, der durch nichts getrübt wird.
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