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Volltext: Wiener Porzellan: Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung

(Powney 1906, S. 167). Auf die angebliche Tätigkeit dieser Zwerge, die in der Nähe des 
..Mansion House“ alle Ereignisse aktueller Bedeutung angepriesen haben sollen, geht die 
noch heute gebräuchliche Bezeichnung der Figuren als „Mansion House Dwarfs“ zurück. 
Meist trägt der Zwerg mit dem breitkrempigen Hut seine schriftlichen Ankündigungen und 
Anpreisungen auf der breiten Zone der aufgeschlagenen Krempe, beim anderen Zwerg 
findet man die verschiedenen Schriftzüge auf dem oberen, schmäleren Teil des hohen, 
konischen Hutes. Es gibt allerdings auch englische Porzellanzwerge dieser beiden Typen, 
die keine Schriftzüge aufweisen. 
Powney nimmt selbst von seinen 22 Zwergen nicht an, daß sie alle echt seien; er nennt eine 
durchschnittliche Größe von 7 Inches und gibt ihr Gewicht (!) mit 15 Ounces (Zwerge mit den 
hohen Hüten), bzw. 15-21 Ounces (Zwerge mit den rundkrempigen Hüten) an. Merk 
würdigerweise glaubt er, daß die leichteren der Zwerge nicht echt seien: „I do not consider 
the lighter ones genuine. These dwarfs have been reproduced without the inscriptions in 
Derby-Chelsea and also Chelsea wäre. I also know of a very fine specimen in Crown Derby, 
but without an inscription. They have 'No. 227’ at the bottom of the figure stamped into the 
paste, and are occasionally marked with the Crown Derby mark in puce and in red. They are 
reproduced at Derby at the present time, and I may add there is a large number of ‘fakes’ on 
the market which would scarcely ever deceive anyone who had seen or feit one of the 
Originals“ (Powney 1906, S. 169). 
Man soll jedoch nicht glauben, daß die englischen Zwerge nur von Samson in Paris imitiert 
wurden (auf diese komme ich später noch zu sprechen). Sie sind ebenso im Programm 
anderer kontinentaler Fabriken zu finden, wie ein Blatt aus einem Katalog der Firma Carl 
Thieme in Potschappel bei Dresden zeigt: der Zwerg mit dem runden, breitkrempigen Hut ist 
dort in verschiedener Größe und Staffierung sowohl unter der Modellnummer 5972, als auch 
unter der Nummer 7185 zu finden; jener mit dem hohen, konischen Hut und dem Stock in der 
linken Hand unter den Nummern 5973 und 7184 (wie aus den Nummern ersichtlich, wurden 
sie auch hier paarweise erzeugt; dies geht aus den Nummern 5972/5973 bzw. 7184/7185 
hervor). Eine etwas andere Variante zeigt die Modellnummer 7156, als Gegenstück zu dem 
Zwerg Nr. 7157 von Thieme gedacht: hier begegnen wir unserem Geiger aus den 
Callot’schen „Gobbi“ wieder, nur daß die Porzellanfigur gegenüber der Callot-Graphik 
seitenverkehrt erscheint. 
Im Katalog der Firma Thieme sind die sechs eben genannten Zwerge mit blauem Farbstift 
durchgestrichen, was vielleicht bedeutet, daß sie zum Zeitpunkt des Erscheinens des 
Katalogs (der leider undatiert ist), nicht mehr produziert wurden. Derselbe Katalog enthalt 
bezeichnenderweise neben den Derby-Imitationen auch fast wörtliche Kopien nach 
iviciuci ici i lyuicn. . .... 
Wenden wir uns nun den Pariser Derby-Kopien mit dem gefälschten Wiener Bindenschild zu: 
Die Samson-Figuren sind bunt bemalt und tragen auf der Sockelunterseite jeweils dieselben, 
wenn auch immer etwas anders angeordneten Bezeichnungen: den blauen Bindenschild 
(auf das innere, nicht glasierte Segment der Sockelunterseite gemalt), die unterglasurblaue 
Samson-Marke, bestehend aus zwei spiegelbildlich einander kreuzenden S, sowie die 
eingepreßte Nummer 810. Dabei dürfte es sich um eine Art Serien- oder Modellnummer 
handeln (Abb. 70, 71). 
Das Samson-Pärchen ist sicher nach einem englischen Porzellanvorbild und nicht nach 
Callot direkt modelliert worden. Die englischen Veränderungen gegenüber Callot wurden 
nämlich von Samson ebenfalls kopiert (z.B. fehlt die Waffe in der rechten Hand der Zwerge 
entweder ganz oder ist nur mehr rudimentär vorhanden). Die bei den englischen „Mansion 
House Dwarfs“ meist vorhandenen Schriftzüge auf den Hüten fehlen bei den 
Samson-Kopien. Der Gegenstand in der rechten Hand des einen Zwerges (Abb. 72) ist nicht 
mehr identifizierbar, da nur mehr ein goldener Knauf zu sehen ist. Da das Schwert in der 
rechten Hand des anderen Zwerges fehlt (Abb. 67), scheint die Handhaltung unmotiviert. Ein 
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kleines Rätsel stellen die Fragmente des Stockes dar, den derselbe Zwerg in der linken Hand gehalten hat: es ist unmöglich, aus der Richtung des Fragments, das die linke Hand noch um faßt, die Fortsetzung des Stockes bis zur Bruchstelle am ßockel zu rekonstruieren; es sei denn, der Stock wäre geschwungen gewesen. Ein Katalog des Londoner Auktionshauses Sotheby gab mir schließlich darüber Auskunft, daß der Stock bei zumindest zwei Ausformun gen dieses Samson-Zwerges tatsächlich geschwungen war (Sotheby 20.6.1974, Nr. 264, 265). Auch die Haltung der rechten Hand bei diesem Zwerg ist unmotiviert, wenn man unbe rücksichtigt läßt, daß er ursprünglich eine Waffe gehalten hatte. Die relativ großen Figuren (16,2 bzw. 16,7 cm) sind erstaunlich schwer, aber sicher hohl und nicht voll gegossen. Es besteht kein Zweifel daran, daß der Wiener Bindenschild gefälscht ist (Abb. 70, 71). Mit den Kopien Samsons und den Markenfälschungen dieser Firma hatten bereits die Sammler des 19. Jahrhunderts ihre Schwierigkeiten. Auch Lady Charlotte Schreiber erlebte einmal eine große Enttäuschung; sie hatte allerdings den einen Vorteil, daß sie die Firma Samson in Paris aufsuchen konnte, wo man ihr die entsprechende Information gab: ,,We took the cover of one of our newly purchased vases to Samson’s, who owned himself the maker of it. So those vases have proved themselves all wrong and cannot go into the Collection. I fear we shall lose heavily on them, but they are so pretty that I regret them more for their beauty than for the money’s worth. This has been rather a costly lesson“ — dies berichtete sie am 13. Februar 1878 (Schreiber 11/1911, S. 111). Ich konnte mich in London selbst davon über zeugen, daß Samson neben Modellen kontinentaler Porzellanfabriken (Meißen, Sevres u.a.) auch solche englischer Fabriken in großer Zahl kopierte und zum Teil mit gefälschten Marken versah. Innerhalb von zwei Tagen sah ich nicht nur die englische Porzellanfigur des James Quin als Falstaff, sondern auch drei Samson-Imitationen derselben Figur auf den zwei bekannten Londoner Märkten (Portobello und Bermondsey Market). Zur Ehre der englischen Händler sei gesagt, daß sie die mit den englischen Marken versehenen Imitationen als Samson und nicht als Originale anboten. Rackham berichtet, daß James Quin in den Jahren 1746/47 als Falstaff auftrat (Rackham 1915, S. 14). Der Schauspieler muß sehr populär gewesen sein - laut Rackham führten die Manufakturen Bow und Chelsea ihre Porzellanmodelle des James Quin als Falstaff nach einer graphischen Vorlage von James McArdell aus (Rackham 1915, S. 14, Nr. 136, PI. 9; S. 40, Nr. 204, PI. 21). Das Bow-Modell soll um 1750, jenes aus Chelsea um 1765 entstanden sein. Am Bermondsey-Market konnte ich auch den Zwerg mit der gefälschten Neapel-Marke erstehen (Abb. 66), der in Modellierung, technischer Behandlung und Sockelbildung (stark abgeschliffener, flacher, leicht gewölbter Sockel) verblüffend der Serie unbemalter, weiß glasierter Zwerge gleicht, die bereits behandelt wurde (Abb. 38 ff.). Ich glaube, daß eine ganze Gruppe von Fälschungen mit dem Wiener Bindenschild, der Neapler und der Sevres-Marke in Thüringen entstand, vermutlich gegen Ende des 19. oder auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu gehören, neben vielen Zwergenfiguren nach den ,,Gobbi“ Callots, auch zahlreiche Bettlerdarstellungen, die ebenfalls auf einer graphischen Serie Callots basieren. Bevor ich mich daher dem, .Callotto resuscitato“ als Vor lagenwerk für Porzellanmanufakturen zuwende, möchte ich auf das thüringische Fälscher zentrum näher eingehen. 117
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