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gewordenen Marmor bewundert, dort den Ausdruck im
Gesichte des weinenden Kindes, dort den sentimentalen
Gedanken eines Herzen zusammenschnürenden Amor
oder den zierlichen Fuss eines zweideutigen Dämchens,
der im allermodernsten Schuh mit hohen, doppelten
Absätzen steckt. »Michel Angelo als Jüngling, der den
Faun meisselt«, ein Gegenstand der freien Sculptur von
Egidio Poggi, und zwar im Augenblick, wo »drohend
Zweifel und Muthlosigkeit ihn schwankend machen« —
welch eine wunderliche plastische Idee! Da wird nun
ein späterer Bildhauer kommen und wird diesen grossen
Egidio Poggi in Marmor meissein, wie er den Jüngling
Michel Angelo meisselt, der den Faun meisselt — und
so mit Grazie ins Unendliche. Diese italienische Plastik
hat nicht »einen Schritt ins Malerische« gethan, sie ist
schon mit einem Schritt über das Gebiet der Malerei
hinaus.
Die zwei verschiedenen Seiten der italienischen
Kunstindustrie richten sich, die eine auf die moderne
Gegenwart, die andere auf Italiens grosse Vergangen
heit, In jener Richtung ist sie unbedeutend, gewöhn
lich, selbst geschmacklos, in dieser ist sie kühn, um
fassend, bahnbrechend und leistet selbst das Höchste.
Ganz auf modernem, französischem Standpunkt
steht z. B. die Ornamentation der Seidenfabricate.
Gewiss gibt es auch Gemüther, die, wie vor jenen
Marmorfiguren, so auch vor den ' glänzenden Seiden
ausstellungen von Levera oder Bernardo Solei in Ent
zücken verfallen — ist ja doch ein glänzender, schön
gefärbter Seidenstoff schon für sich allein ein Ver-