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Full text: Die Kunstindustrie auf der Wiener Weltausstellung 1873

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gewordenen Marmor bewundert, dort den Ausdruck im 
Gesichte des weinenden Kindes, dort den sentimentalen 
Gedanken eines Herzen zusammenschnürenden Amor 
oder den zierlichen Fuss eines zweideutigen Dämchens, 
der im allermodernsten Schuh mit hohen, doppelten 
Absätzen steckt. »Michel Angelo als Jüngling, der den 
Faun meisselt«, ein Gegenstand der freien Sculptur von 
Egidio Poggi, und zwar im Augenblick, wo »drohend 
Zweifel und Muthlosigkeit ihn schwankend machen« — 
welch eine wunderliche plastische Idee! Da wird nun 
ein späterer Bildhauer kommen und wird diesen grossen 
Egidio Poggi in Marmor meissein, wie er den Jüngling 
Michel Angelo meisselt, der den Faun meisselt — und 
so mit Grazie ins Unendliche. Diese italienische Plastik 
hat nicht »einen Schritt ins Malerische« gethan, sie ist 
schon mit einem Schritt über das Gebiet der Malerei 
hinaus. 
Die zwei verschiedenen Seiten der italienischen 
Kunstindustrie richten sich, die eine auf die moderne 
Gegenwart, die andere auf Italiens grosse Vergangen 
heit, In jener Richtung ist sie unbedeutend, gewöhn 
lich, selbst geschmacklos, in dieser ist sie kühn, um 
fassend, bahnbrechend und leistet selbst das Höchste. 
Ganz auf modernem, französischem Standpunkt 
steht z. B. die Ornamentation der Seidenfabricate. 
Gewiss gibt es auch Gemüther, die, wie vor jenen 
Marmorfiguren, so auch vor den ' glänzenden Seiden 
ausstellungen von Levera oder Bernardo Solei in Ent 
zücken verfallen — ist ja doch ein glänzender, schön 
gefärbter Seidenstoff schon für sich allein ein Ver-
	        
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