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Flächenmuster als Dummheiten, heute folgen die Lyoner
kirchlichen Stoffe im Gewebe wie in der Stickerei ganz
entschieden der gleichen Richtung. Auch in die Möbel
stoffe und Tapeten sind sie zahlreich eingedrungen,
doch nicht ohne Spuren der französischen Caprice zu
zeigen, indem z. B. das Muster, dessen Effect und
Schönheit auf einem richtigen Raumverhältniss von
Grund und Zeichnung beruhen, so ins Kolossale über
trieben worden, dass der Effect ein ganz anderer und
keineswegs besserer ist, als der des Originals. Mehr noch
als das Mittelalter spielt die Renaissance auf den Seiden-
und anderen Möbelstoffen, und wir müssen gestehen,
dass es unter diesen Imitationen der italienischen Stoffe
des sechszehnten Jahrhunderts ganz wunderschöne Bei
spiele gibt, zumal von solchen, bei welchen das Muster,
oft von prachtvollen Blumen, in dunklem Sammt auf
lichterem Atlasgrunde ruht. Die italienischen Seiden
fabrikanten, welche heute fast veraltete französische
Muster nachahmen, ihre eigenen aber vernachlässigen,
sollten sich daran ein Beispiel nehmen.
Neben solchen entschiedenen Neuerungen gibt es
aber andere zahlreiche Erscheinungen, in denen der
französische Geist sich ganz und gar treu geblieben ist.
Dahin gehören z. B. die Gobelins, ein Zweig der Kunst
industrie, den wir heute als einen specilisch-französlschen
betrachten. Er ist es auch, sowohl weil er anderswo so
gut wie keinen Concurrenten hat, als auch seiner künst
lerischen Natur nach, einerseits indem er mit grösster
Vollendung kein anderes Ziel anstrebt, als es der Ma
lerei in ihren höchsten Aufgaben gleichzuthun, anderer-
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