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und der Ausdruck der Seele. Wer die orientalische
Kunst richtig betrachten und richtig würdigen will, der
muss über die Unvollkommenheit der menschlichen Ge
stalten hinwegsehen und nur das im Auge haben, was
das Wesen ist, den »schönen Schein«, die farbige Er
scheinung. Dass auch darin Reiz und Poesie, echte
Kunst und wahre Herzensfreude liegt, das zu empfin
den braucht man nicht Orientale zu sein, aber ein bis
chen orientalisches Gefühl gehört doch dazu. Wer das
kalte und nüchterne Grau, mit dem wir aufgewachsen
sind, für fein hält oder die harten Gegensätze moderner
Stoffe nöthig hat, um überhaupt Farbe zu sehen, der
wird niemals trunken werden von orientalischer Far
benlust.
Das Wesen des orientalischen Colorits liegt in
zweierlei. Einmal liegt es in der Conservirung der
eigenthümlichen Kraft der Farben, nicht in ihrer grauen
Abtödtung. Wenn der Orientale die Farbe bricht, so
geschieht das, um einen anderen Ton zu haben, nicht
um ihre Stärke, ihr Leben, ihr Feuer zu vernichten.
Oft aber, wo unser Auge die Farbe für gebrochen hält,
ist sie nur die richtige und natürliche Tinte der Ma
terialien, aus denen sie bereitet ist. Zum anderen ist
es die Vertheilung und Zusammenstellung der Farben,
worauf es ankommt, die Harmonie, die den Reichthum
bindet und beherrscht. Der Orientale liebt es nicht,
das Hell und Dunkel contrastirender Farben in breiten
Massen an einander zu setzen, weil der Effect nur ein
harter ist. Wenn er es thut, wie mit Roth nnd Grün