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vor dem Glasofen sitzen und die Flaschen blasen. Das
sogenannte antike Glas, dessen Fragmente uns tausend
fach erhalten sind, ist in der Hauptsache geblasen,
doch mancherlei und ausgezeichnete Nebentechnik war
damit verbunden. Das Beispiel des antiken Glases
haben die Venezianer im Mittelalter aufgenommen und
namentlich im sechszehnten Jahrhundert das ganze Genre
zu einer solchen Höhe der Kunst geführt und in einer
so angemessen eigenthümlichen Weise ausgebildet, dass
durch sie der künstlerische Typus des geblasenen Glases
ein für alle Mal festgestellt worden. Dieser Typus
besteht in der papiernen Leichtigkeit des Materiales
und in der freien (weil sie lediglich aus der Hand her
vorgeht), edlen und meist eleganten Form.
Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts verschwand
der Typus. Schwere, plumpe Formen, dickes Material
traten an seine Stelle und die venezianische Glasindu
strie ging als Kunst zu Grunde. Um sie wieder zu
erwecken, war es daher der allein richtige Weg, auf
die Art und die Formen des sechszehnten Jahrhunderts
zurückzugehen. Das ist seit kaum länger als zehn
Jahren geschehen und zwar mit solchem Erfolge, dass
die venezianischen Glasarbeiten heute aufs neue sich
den anderen ebenbürtig in ihrer Eigenthümlichkeit zur
Seite stellen und dass man selbst ihren künstlerischen,
ihren formellen Einfluss überall in der Glasindustrie
der übrigen Länder erkennt. Der Vorgang ist eben
so lehrreich wie ermuthigend. Der klare Wille und
die Energie eines einzigen Mannes, dem sich alsbald
die Mitstrebenden angeschlossen haben, hat wieder ein-
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